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Augenzeugen

Judenrazzia Rom > Fluchtgeschichten
Die Razzia beginnt
Zwei Augenzeugen beim Ghetto
Ausgewählte Berichte

 
Signor A. C.

Signor A.C., ein Beamter im italienischen Justizministerium und kam gegen acht Uhr auf dem Weg zur Dienststelle direkt an der Synagoge und Ghetto vorbei. Er berichtete später, wie eine fassungslos weinende Frau mit einem etwa fünfjährigen Kind auf ihn zukam und flehte:
»Retten Sie uns, retten Sie uns, Signore! Die Deutschen schaffen alle fort. Sie haben meinen Mann und zwei Kinder gefangen.«
So gut es geht versucht Signor C. die Frau zu beruhigen. Gleichzeitig fordert er sie auf, sofort weiter zu laufen über die kleine Tiberbrücke zur Tiberinsel und dann hinüber nach Trastevere. Das würde ihre Rettung sein. Die Frau folgt diesem verwegenen Rat. Es gelingt ihr, den Häschern zu entwischen. Signor C. geht etwas die Straße hinauf in Richtung Portico. Ein Stück weiter oben sieht er einige Militärlaster, um die etwa zwanzig bewaffnete Soldaten herumstehen. Vorsichtig nähert er sich einem Posten. Doch einer der Soldaten bemerkt ihn und raunzt ihn laut an:
»Verschwinden Sie hier und zwar sofort!«
Signor C. zieht sich etwas zurück und beobachtet aus der Ferne das tragische Geschehen. Später bezeugte er:
»Aus einem Torbogen der Via del Tempio wurden einige Frauen mit Kindern ziemlich heftig auf die Straße gestoßen. Die Kinder weinten. Von überall hörte man Rufe und markerschütternde Schreie der Opfer, während die Peiniger – in Aktion oder unbeweglich – ihrer traurigen Aufgabe ohne irgendein Zeichen von Humanität nachkamen.«
Bei den Wagen sieht der Signor, wie eine Gruppe von Personen, hauptsächlich Frauen und Kinder, unter deutschem Geschrei der Soldaten auf einen Laster gehievt werden. Alles um ihn herum erschien Signor C. wie ein Fegefeuer. Er selbst bleibt versteinert stehen. Er ist furchtbar deprimiert, dass er nichts tun kann. Diese unschuldigen Opfer werden bestimmt ein schlimmes Schicksal in Deutschland erwarten, denkt er bei sich. Nicht lange und Signor C. wird auch hier von einem Unteroffizier bemerkt und unsanft aus seiner Erstarrung gerissen. Der Soldat versetzt ihm einen deutlichen Stoß und brüllt ihn an abzuhauen.
 

 
 
Francesco Odoardi  

Später am Vormittag wird Francesco Odoardi mit seinem Bruder zufällig an der derselben Stelle vorbei kommen. Die Razzia ist dann noch im Gange, aber sie neigt sich dem Ende entgegen. Die beiden Brüder sind von Trastevere über die Brücke Cestio zur Tiberinsel und weiter über die Ponte Fabrico bis zum Ghetto gelaufen. Sie wollen auf einem Spaziergang etwas Wichtiges besprechen.
 
Von der Uferstraße Lungotevere dei Cenci aus sehen sie eine Gruppe von Frauen mit Kindern. Plötzlich löst sich eine etwa fünfzehnjährige Jugendliche aus der Gruppe. An einer Hand zieht sie ein kleines Kind hinter sich her.
 
Beide rennen in Richtung Tiberbrücke. Sie hetzen an Francesco und seinem Bruder vorbei zur Insel. Die Frauen rufen dem jugendlichen Mädchen hinterher und ermutigten es. Ängstlich verfolgen sie die Route der zwei und hoffen auf einen guten Ausgang.
 
Francesco und sein Bruder sind perplex. Muss das kleine Kind dringend aufs Klo? Die ganze Situation erscheint ihnen eher wie eine Flucht  – aber warum? Die beiden laufen weiter ins Ghetto. Erst jetzt entdecken sie die deutschen Soldaten. Am Portico d´Ottavia sehen sie SS-Soldaten, die zusammengetriebene Juden bewachen. Ein Soldat hat eine Maschinenpistole umhängen und steht mit gespreizten Beinen vor einer Gruppe Juden. Gelangweilt wippt er von einem Bein auf das andere. Ein paar Schritte weiter bewachen mehrere SS-Soldaten verhaftete Menschen am Sammelpunkt in der Ausgrabungsstelle. Francesco schätzt etwa achtzig Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder und Babys. Still und verzweifelt sitzen die Menschen auf antiken Steinen, auf ihren Koffern oder auf der Erde. Einige haben bei dem Dauerregen eine Plane über sich gezogen. Nur das vereinzelte Weinen von Kindern und das leise Schluchzen von Erwachsenen mischen sich mit dem Prasseln des Regens.
Da nähert sich eine Frau und versucht zu der gefangenen Gruppe am Portikus durchzustoßen. Will sie einen letzten Gruß sagen oder einen Ratschlag geben oder ein Wort des Trostes spenden? Oder will sie auch mit abtransportiert werden? Francesco weiß es nicht. Ein SS-Mann hält die Frau auf. Er treibt sie mit roher Gewalt weg von den Gefangenen in Richtung Synagoge. Francesco fühlt unendliche Scham.
Deprimiert gehen er und sein Bruder weiter:
»Alles ist still und düster. Die Wohnungen sind stumm, verschlossen, dunkel: alle. Wir sind allein. Unsere Schritte hallen stark wider in dieser traurigen Umgebung. Das Geräusch verstört uns. Wir beeilen uns aus diesem trostlosen Albtraum wegzukommen. ... Ein trauriger Tag, unendlich traurig.« So beschreibt es Signor Odoardi später in einem Erinnerungsbuch.
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