Deportation - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Edith Stein
Zum 75. Todestag Edith Steins

Erweiterte Version in Vorbereitung

Veröffentlichungen im Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg
Frb. i.Br. 08/2017
Ehre wider Willen
 Zum 75. Jahrestag der Ermordung Edith Steins

Veröffentlichungen im Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg
 Frb. i.Br. 08/2017

von Klaus Kühlwein

Der Deportationszug mit Edith Stein erreichte am 9. Aug. 1942 Auschwitz. Eineinhalb Tage war der Zug unterwegs gewesen aus dem Internierungslager Westerbork in Holland. Edith trug ihre Ordenstracht der unbeschuhten Karmeliterinnen mit einem aufgenähten Judenstern auf der linken Brustseite. Ihre Schwester Rosa, die mit ihr deportiert wurde, war in zivil. Rosa war nicht ins Kloster eingetreten.

Nachforschungen im Archiv von Auschwitz ergaben, dass die 51jährige Edith und ihre ältere Schwester gleich auf der Rampe für die Gaskammer bestimmt wurden. Eine Aufnahmesignatur für die beiden fehlt. Mit den 521 anderen Selektierten aus dem Deportationszug von insgesamt 987 Personen bestiegen Edith und Rosa Lastwagen, die sie zum berüchtigten Roten oder Weißen Haus brachten am Rande des Stammlagers. Die großen Gaskammern in Birkenau waren noch nicht in Betrieb. Die Ermordung der Selektierten erfolgte sofort nach Ankunft durch Einsatz von Zyklon B.

Edith Stein ahnte nicht, dass ihr Tod bald ein Kirchenpolitikum ersten Ranges werden würde. Ihr Schicksal wird ganz offiziell zur Rechtfertigung für das Schweigen Pius XII. gegenüber dem Holocaust herangezogen und noch vor Ablauf des Jahrhunderts wird Edith als „christliche“ Märtyrerin zu Ehren der Altäre erhoben und zur Schutzheiligen Europas erklärt werden.

„Komm, wir gehen für unser Volk“, sagte Edith zu ihrer Schwester als am späten Sonntagnachmittag, den 2. August 1942, ein SS-Verhaftungskommando im Kloster Echt in Holland aufgetaucht war. Schwester Benedicta a Cruce, wie sich Edith seit ihrer Einkleidung im Kölner Karmel-Kloster 1934 nannte, hatte dort Anfang 1939 Zuflucht gefunden. In den Wochen nach der Reichspogromnacht war es für sie in Köln zu gefährlich geworden. Zu dieser Zeit hatte sich Edith Stein nicht nur in Kirchenkreisen längst einen Namen gemacht. Neben ihren theologischen Werken kannte man sie europaweit als die gelehrte Husserl-Schülerin. 1916 war sie dem berühmten Philosophen Edmund Husserl nach Freiburg gefolgt und hatte bei ihm in Phänomenologie mit summa cum laude promoviert. Rasch wurde sie Husserls unentbehrliche Assistentin. Zwei Jahre lang brachte sie die Nerven auf, des Meisters chaotische Zettelwirtschaft sinnvoll zu ordnen und zu bearbeiten. Gewohnt hatte Edith in der Wiehre (Lorettostraße und etwas länger Zasiusstraße).

Schon vor ihren Freiburger Jahren war Edith Stein stolz darauf, eine aufgeklärte Atheistin zu sein. Von ihrem jüdischen Glauben, mit dem sie in Breslau aufgewachsen war, hatte sie sich während der Gymnasialzeit intellektuell entfremdet. Auch dem Christentum stand sie sehr kritisch gegenüber. Doch während ihrer Assistenzjahre zweifelte sie zunehmend an ihrer Lebenshaltung. Sie begann sich mit der Mystikerin Theresia von Avila zu beschäftigten und pflegte Kontakt zu den Lioba-Schwestern in Freiburg-Günterstal.
Nach vielen Fragen und persönlichen Kämpfen ließ sich Edith schließlich am 1. Jan. 1922 katholisch taufen. Ihrer jüdischen Herkunft blieb sie aber weiterhin verbunden. Diese Wurzel zu kappen kam für sie nicht in Frage.

Beruflich musste sich Edith eine philosophische Professur aus dem Kopf schlagen. Die Versuche einer Habilitation in Freiburg und Göttingen sowie Sondierungen in Kiel und Hamburg schlugen fehl – nicht weil ihre eingereichten Arbeiten mangelhaft waren, sondern schlicht deshalb, weil sie eine Frau war. Edith beschwerte sich sogar beim Kultusministerium, aber letztlich vergebens.
Übrig blieb eine Stelle als Lehrerin an der Dominikanerschule St. Magdalena in Speyer. Dort unterrichtete Edith bis 1931. Danach sondierte sie erneut vergeblich in Freiburg und auch in Breslau für eine Habilitation – diesmal stand ihre jüdische Herkunft im Weg.

Schließlich wechselte sie 1932 ans Institut für wiss. Pädagogik in Münster. Wegen der politischen Lage musste sie es aber Ende April 1933 schon wieder verlassen.
  
Zur 700-Jahrfeier St. Magdalena 1928 wurde Edith Stein die Ehre zuteil, dem hochwürdigen Päpstlichen Nuntius in Deutschland eine Grußadresse zu sagen. Der Nuntius war kein Geringerer als Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. Als Repräsentantin des Lehrerkollegiums war Edith ausgewählt worden den Nuntius willkommen zu heißen. Wenige Jahre später wird Edith den zum Kardinalstaatssekretär beförderten Pacelli und dessen Chef Pius XI. mit einem Paukenschlag arg in Verlegenheit bringen.

Anfang April 1933 schrieb sie einen Brandbrief, der ebenso prophetisch aufrüttelnd wie anklagend war. Gleich zu Beginn stellte sich Edith dem Papst „als Kind des jüdischen Volkes“ vor, das seit elf Jahren auch Kind der kath. Kirche sei. Im Namen dieser doppelten Kindschaft schrieb sie, dass die Juden und die Katholiken überall auf der Welt seit Wochen auf ein klares Wort des Hl. Stuhls warten würden zum unverhohlenen Antisemitismus der neuen NS-Regierung und zu den ersten Gewalttaten an Juden. Die Saat, die jahrelang offen gestreut wurde, ginge jetzt auf. Das Schweigen Roms dazu sei unerträglich. Man solle sich nichts vormachen, die Verantwortung für die jüdischen Opfer falle auch auf jene, die dazu schwiegen, so Edith kategorisch. Sie befürchte das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen andauere.

Was Edith Stein dem Stellvertreter des Juden Jesu Christi wütend auf den Tisch knallte, ist ungeheuerlich. Es ist weit weg vom üblich fußfälligen und fromm-schmalzigen Sprachgebrauch gegenüber dem Stuhl Petri. Der Brief war peinlich für Pius XI. und Pacelli. Man wollte unbedingt an der Schweigehaltung festhalten – „Höheres“ stand auf dem Spiel.

Edith Stein bekam denn auch keine Antwort. Man ignorierte sie einfach. Wundert es, dass der Edith-Stein-Brief jahrzehntelang im Vatikan als verschollen galt? Man fand ihn nicht wieder obwohl ein Seligsprechungsverfahren für Edith lief. Erst 2003 – fünf Jahre nach ihrer Heiligsprechung – wurde der Brief endllich aufgefunden.

Gut neun Jahre nach Ediths Brief sah sich Pius XII. in seiner Schweigehaltung endgültig bestätigt. Die tragischen Umstände, die zur Verhaftung und Deportation angeblich tausender getaufter Juden im besetzten Holland führte, schien ihm nur zu allzu deutlich zu zeigen, wie wertvoll seine kluge Zurückhaltung war. Bis heute firmiert das Holland-Ereignis als das Argument aller Argumente zur Verteidigung des päpstlichen Schweigens zum Holocaust.

Was war geschehen? Im Juli 1942 hatten sich die kath. Bischöfe in Holland geeinigt, öffentlich gegen die anstehenden Judendeportationen zu protestieren. Für diesen Fall aber hatte Hitlers Statthalter Seyß-Inquart Vergeltung angedroht, Vergeltung an Juden. Die Drohung wurde rasch umgesetzt. Am 2. August begannen Verhaftungen, bei der überall im Land getaufte Juden ergriffen wurden zur Deportation nach Auschwitz.

Für die Verteidiger des päpstlichen Schweigens ist klar: Hätten sich die holländischen Bischöfe doch zurückgehalten! Hätten sie sich klug verhalten, so wie der Papst! Edith Stein und weitere rund 40 000 getaufte Juden mussten für den leichtfertigen Kanzelprotest der Bischöfe büßen.
 
Diese Einschätzung operiert mit falschen Fakten und stellt die Ereignisse verzerrt dar. Falsch ist die monströse Zahl der Vergeltungsopfer. Tatsächlich waren es letztlich 114! Konvertiten, die deportiert wurden. Die Zahl ist bekannt, doch noch im jüngsten Zweiteiler-Film über Pius XII. eines Studios in kirchlicher Hand und unterstützt vom Vatikan, wurde die Zahl 40 000 Vergeltungsopfer dem Publikum als Faktum weitergereicht.

Wahr ist, dass die Bischöfe unter Druck gesetzt wurden. Sie sollten von einem Kanzelprotest absehen. Nicht korrekt ist jedoch die einseitige Darstellung des Vorgangs. Der „Druck“ auf die Bischöfe war in Wirklichkeit ein teuflischer Erpressungsversuch. Um die Kirche vom Protest abzuhalten, hatte sich Reichskommissar Seyß-Inquart ein perfides Angebot ausgedacht: Wenn ihr Bischöfe zu den bevorstehenden Deportationen der Juden schweigt, werden wir euch dafür eure getauften Juden „schenken“. Dieses Lockangebot war niederträchtig und für die Bischöfe ethisch unannehmbar. Man hätte einen faustischen Pakt geschlossen, der die Rettung eigener konvertierter Juden um den Preis der großen Zahl „anderer“ Juden verlangte. Diese sollte man widerstandslos den Mördern überlassen.
Ethisch völlig korrekt stellten sich die Bischöfe auf den Standpunkt: Wenn wir für die Juden eintreten, dann für alle! Wir dürfen nicht die einen kaufen und die anderen verkaufen. Daher war der Kanzelprotest weder naiv noch verantwortungslos, er war moralisch richtig.

Das Vergeltungsopfer Edith Stein identifizierte sich mit dieser Haltung. In Westerbork lehnte sie jedes Sonderrecht ab. Ein Mithäftling, der in der Lagerverwaltung tätig war, bot ihr an, etwas für ihre Rettung zu tun. Sie erwiderte: „Tun Sie das nicht, warum soll ich eine Ausnahme erfahren. Ist dies nicht gerade Gerechtigkeit, dass ich keinen Vorteil aus meiner Taufe ziehen kann?“

Heute ist Edith Stein überaus populär in der katholischen Kirche. Sie gilt als eine Art Vorzeigheilige, die überall auf der Welt in Stein gemeißelt, in Kirchenfenstern gemalt, in jeder Heiligenlitanei deklamiert und für zahlreiche Bildungshäuser, Schulen, Straßen als Namensgeberin bemüht wird. Aber eine ehrliche Auseinandersetzung mit ihrem Brief ist immer noch überfällig. Zudem sollte man endlich damit aufhören, ihren Tod missbräuchlich zu instrumentalisieren für eine Diplomatie, die Edith skandalös nannte.

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Dr. theol. Klaus Kühlwein
Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg
9. Aug. 2017
 
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