Der Hilferuf - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Der Hilferuf

Judenrazzia Rom
Der dramatischer Hilferuf untergetauchter Juden

Während der Razzia hatten die römischen Juden gehofft, dass Pius XII. ins Räderwerk der Deutschen eingreifen würde. Sie waren überzeugt, dass der Papst zeitnah über die angelaufene Razzia unterrichtet worden war.
An dem Razzia-Samstag geschah jedoch nichts. Ungestört hatte die SS-Polizei eine jüdische Familie nach der anderen abgeholt. Die Soldaten waren erst aus dem Ghetto verschwunden, nachdem sie die letzte Wohnung auf ihrer Liste durchsucht und geräumt hatten. Das gleiche galt für die fliegenden Kommandos in den Straßen Roms.
           
Am nächsten Tag blickten die Juden, die sich verbergen konnten, sehnsuchtsvoll auf den Vatikan. Alle, die die SS am Vortag erwischt hatte, waren noch in der Stadt. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass die vielen hundert Menschen im Collegio Militare am Tiberufer zusammengepfercht waren. Das musste auch dem Vatikan bekannt sein! Solange sie noch dort waren, konnte der Papst für sie eintreten, konnte sie retten. Waren sie erst einmal abtransportiert, würde sie niemand mehr zurückholen können. Die Zeit drängte. Jede Stun­de, die verstrich, gab der SS länger Gelegenheit die Deportation vorzubereiten und durchzuführen.
           
In dieser angespannten und hilflosen Situation wandte sich eine Gruppe jüdischer Familien direkt an Papst Pius. Die Familien waren der Razzia entkommen und in Verstecken untergetaucht. Sechs Männer und eine Frau traten als ihre Sprecher auf. Gemeinschaftlich verfassten sie einen bewegenden Hilferuf direkt an Pius XII. Die Sprecher und ihre Familien baten nicht für sich selbst oder für andere abgetauchte Juden in der Stadt. Eindringlich erflehten sie Hilfe für die im Collegio Militare gefangenen Juden. Der Pontifex dieser Stadt und des Erdkreises müsse sofort mit seiner ganzen Autorität handeln. Die Deportation der Menschen drohe von einem Moment zum anderen.
Der Brief wurde am Sonntagmorgen, den 17. Oktober, in einem Versteck geschrieben. Er ist säuberlich auf der Schreibmaschine getippt und knapp eineinhalb Seiten lang. Handschriftlich signierten: Angelo Piperno, Mario Mieli, Ugo di Nola, Giacomo Pontecorvo, Giulia Piperno Pontecorvo, Andrea Ricardelli und Tullio Di Veroli. Stilistisch ist das Schreiben in einem gedrechselten Italienisch gehalten. Man gab sich große Mühe, den Papst mit höfischen Wendungen ansprechen. Zwei der Unterzeichneten waren Rechtsanwälte. Noch am Sonntag wurde der Brief heimlich zum Vatikan gebracht und im Staatssekretariat übergeben.
 
Der gemeinschaftliche Hilferuf direkt an Pius XII. ist ein außergewöhnliches Zeugnis. Es belegt, wie intensiv die Juden auf päpstliche Rettung hofften und wie diplomatisch zurückhaltend Pius XII. blieb vor der größten Herausforderung seines Pontifikats. In der offiziellen vatikanischen Aktensammlung zum zweiten Welt­krieg sucht man vergeblich nach dem Hilferuf. Offensichtlich war es für die herausgebenden Vatikanhistoriker zu peinlich den Brandbrief zu veröffentlichen. Nur in einer Fußnote findet man kryptisch den Hinweis auf ein kollektives Schreiben israelitischer Familien. Nähere Angaben werden nicht gemacht: keine Bemerkung zum Inhalt und nichts zum Adressaten. Indirekt erschließen kann der Leser nur, dass es sich hier um irgendeinen Bittbrief handeln muss. 
           
Das Dokument ist nach wie vor im Archiv des vatikanischen Staatssekretariats unter Verschluss. Wegen der allgemeinen Archivsperre ab 1939 gibt es für den Historiker keine reguläre Möglichkeit, den jüdischen Hilferuf einzusehen. Ich danke mehreren Personen, die mir ermöglichten, den Brief dennoch in die Hände zu bekommen.
 
In Übersetzung lautet                           Kopie des zweiseitigen Originals 
der vollständige Text:                           dem Vatikanischen Archiv

                                          
pdf,  26 KB                                             pdf, 236 KB                           pdf, 114 KB
                                                                                 (Signatur: AA.EE.SS. Italia (1939-1946), Pos. 1054 
                                                                                  P.O., Fasc. 739 K, ff 66-67)
Der verzweifelte Appell

berührt sehr. In der historischen Stunde schwers­ter Bedrohung der jüdischen Gemeinde Roms erflehten die Schrei­ber nicht nur von Pius XII. als dem großherzigen „Vater für alle“ eine Intervention im Namen der Barmherzigkeit, sondern sie erinnern Pius auch an alte Familienbeziehungen. Sie sprachen als Römer zum Römer Eugenio Pacelli. Dessen Vater Filippo Pacelli sei auch freundschaftlich eng mit Settimio Piperno verbunden gewesen, dem Vater von zwei Unterzeichneten des Briefes.
 
Die Hilferufenden machten eine klare Ansage: Papst Pius müsse sofort eingreifen! Er müsse noch an diesem Sonntag den befürchteten Abtransport der römischen Juden verhindern. Trotz des Zeitdrucks und der akuten Gefahr blieben die Absender „realistisch“. Die For­mulierung im Schreiben, dass sie es nicht wagen Pius im Rahmen des Möglichen das am besten geeignete Mittel vorzuschlagen, ist mehr als Höflich­keit. Den Hilfesuchenden war klar: Papst Pius unterlag Ein­schränkungen, und sie wussten nicht welche diplomatischen und außerdiplomatischen Strategien er verfolgen konnte. Abwegig etwa war der Gedanke, dass Pius bewaffnete Schweizer Gardisten zum Collegio schicken könnte, um ultimativ die Freilassung der Juden zu fordern. Aber die Briefschreiber zweifelten nicht daran, dass sie dem Pontifex zu­trauten, überhaupt Hilfe leisten zu können. Als Papst habe er gewiss die Macht, für die Menschen im Collegio wirksam ein­zutreten. Nahe lag der Gedanke, dass sich Pius offensiv vor die Verhafteten stellte: gegenüber der Sipo-, SD-Dienststelle Kappler, gegenüber dem verantwortlich kommandierenden Feldmarschall Kesselring und vor allen gegenüber der Vatikanbotschaft Weizsäcker. Vorauseilend bedankten sich die Absender schon für die erwartete Hilfe.
 
Es ist nicht bekannt, um wie viel Uhr der Brandbrief zum Vatikan kam und wer ihn entgegengenommen hat. Später als früher Nachmittag dürfte es kaum gewesen sein. Papst Pius sah in der Regel abends wichtige Papiere und Korrespondenzen durch, die ihm immer aktuell zusammengestellt wurden. An Werktagen kam noch die Morgenaudienz meistens mit dem Substituten Mgr. Montini dazu. An diesem Sonntag nach der Razzia sah Pius den Brief noch nicht. Er wird ihm von Montini erst bei der Morgenbesprechung Montagfrüh (18. Okt.) vorgelegt.
Nach allem, was man über die akribische Arbeitstechnik von Pacelli weiß, las er den Brief gewiss Zeile für Zeile durch. Ironie des Schicksals: Ein paar hundert Meter weiter lief zu diesem Zeitpunkt der Transport der verhafteten Juden vom Collegio zum Deportationsbahnhof Tiburtina und weiter nach Auschwitz. Die Befürchtung im Brief, dass jeden Augenblick eine Deportation drohe, wurde gerade Realität. Zwar war die späte Vorlage des Briefes nicht Pius´ Schuld, aber er hatte es versäumt, die Judenrazzia in seiner eigenen Diözese sofort zur Chefsache zu machen. Hätte er eilig alle Fäden bei sich zusammenlaufen lassen und alle Entscheidungen bei sich gebündelt, wäre der Brief früher in seine Hände gelangt. Das hätte in der Sache allerdings nichts geändert.
Nach der Lektüre des Briefes wies Pius seinem Substituten knapp an:
»Lassen Sie die Leute wissen, dass man tue, was man kann.« Tun, was man tun kann? Offensichtlich klingeln selbst am dritten Tag nach der Razzia und nach Vorlage dieses flehentlichen Appells versteckter Juden immer noch keine Alarmglocken bei Pius XII. Er hielt sich weiterhin persönlich raus. Mehr als seine vorsichtige und sehr enggehaltene Auftragsdiplomatie vom Samstag wollte er nicht riskieren. Pius bleibt untätig.
 
So nahm der Verwaltungsvorgang seinen Lauf. Ein Mitarbeiter im Staatssekretariat notierte zwei Tage später am 20. Oktober:
»Im Bittschreiben ist nirgendwo eine Adresse angezeigt. Daher ist es nicht möglich zu antworten.«
Was für eine Bemerkung! Natürlich wollten und mussten die Briefschreiber anonym bleiben. Das hätte auch Pius wissen müssen als er Mgr. Montini die Weisung gab, den Leuten mitteilen zu lassen, das man ja schon was unternommen habe. Die Briefschreiber waren mit ihren Familien in Rom untergetaucht. Eine Absenderadresse wäre ein zu hohes Risiko gewesen. Außerdem verlangten die Sprecher keine Korrespondenz mit sich. Sie baten stellvertretend für die über eintausend Gefangenen im Collegio Militare. Deren Adresse war klar – gerade zwei Autominuten vom Apostolischen Palast entfernt. Um diese sollte sich der Pontifex Roms kümmern.
 
Gab es an diesem Montagvormittag für einen Papst etwas Wichtigeres als alle Hebel in Be­wegung zu setzen, um die Juden Roms zu retten? Jetzt war die letzte Gelegenheit nachzuholen, was am Samstag und Sonntag versäumt wurde.
Der erste Schritt wäre die erneute Alarmierung von Botschafter Weizsäcker gewesen. Das Ultimatum vom Samstag stand noch im Raum. Pius hätte zudem unverzüglich seinen Nuntius in Berlin kontaktieren können, damit er sofort interveniere. Auch ein Kontakt zum Hauptquartier Feldmarschall Kesselrings, zur SD-Dienststelle Kappler in der Via Tasso und zum Stadtkommandanten General Stahel war angezeigt. Den militärischen Befehlshabern und der SS-Dienststelle musste Pius unmissverständlich klar­­machen, dass er eine Deportation der Juden auf keinen Fall hinnehmen werde. Gegenüber Berlin hätte Pius entschlossen auftreten müssen. Um die Razziajuden zu retten, musste er ohne Wenn und Aber signalisieren, dass er sich schützend vor die jüdische Gemeinde Roms stelle, notfalls weltöffentlich. Das Berliner Außenamt – und letztlich Hitler – hätten dann die schwere Entscheidung treffen müssen, ob sie wegen der römischen Juden eine unabsehbare Konfrontation mit dem Vatikan, der katholischen Kirche weltweit und eine internationale Empörung eingehen wollten.
 
Je früher Pius die rote Linie gezogen hätte, desto eher hätte Berlin nachgeben können – zähneknirschend. Das gilt besonders für die Vorbereitungsphase der Razzia seit Mitte September. Pius war sehr gut über die laufenden Deportationen im besetzten Europa informiert gewesen. Aufgrund seines umfangreichen Wissens war ihm klar, dass Hitler nach der Machtübernahme in Rom die Juden dieser Stadt verlangen würde. Pius hatte fünf Wochen Zeit gehabt, um schon im Vorfeld der Razzia zu handeln. Doch er hielt sich bedeckt.
 
Als Ultima Ratio blieb die persönliche Intervention am Deportationsbahnhof. Wäre Papst Pius mit Kurienvertretern und Botschafter Weizsäcker zum Bahnhof gefahren und mit seiner ganzen Autorität dort aufgetreten, hätte niemand dagegen etwas tun können. In einem Interview hat der Autor Erich Priebke in Rom eigens auf diese Möglichkeit angesprochen und um seine Meinung gebeten. Der ehemalige stellvertretende SS-Chef und engste Mitarbeiter Kapplers sagte frank und frei, dass der Verladeoffizier Dannecker am Bahnhof nichts ge­gen den Papst hätte unternehmen können. Ihm wäre nur die sofortige Meldung an seine Vorgesetzten übriggeblie­ben. Die Information, dass der Papst am Bahnhof den Zug auf­hiel­te, hätte Dannecker an das Reichs­si­cher­heits­haupt­amt zu Eich­mann und dessen Chefs Gesta­po­ge­ne­ral Müller und Amts­leiter Kal­ten­brun­ner tele­gra­­fie­ren müssen. Zeitgleich wären Ge­ne­ral Harster in seiner Eigenschaft als BdS in Ita­lien, Ge­ne­ral Wolff als obers­­ter Po­li­zei­füh­rer für Italien und SD-Chef Kapp­ler informiert wor­­den. Letzt­lich hätte Berlin ent­scheiden müs­sen, was ge­sche­hen sollte, so Prieb­ke. Eich­mann, Mül­ler und Kalten­brunner wa­ren kei­ne diplomatischen Ent­schei­dungs­­­­träger. Dafür brauch­ten sie Wei­­sun­gen von Regierungs­seite. Im Falle Rom und Papst konnte nur Hitler definitiv entscheiden.
           
Hätte Papst Pius an die­sem Mon­tag alle Hebel in Bewegung gesetzt und wäre er sogar selbst am Bahnhof auf­­getaucht, um die Abfahrt des Zu­ges zu unterbinden, hätte er die Juden Roms retten kön­nen. Ohne aus­drück­­li­chen Be­fehl von Hitler konn­­te man vor Ort nicht gegen den Papst vorgehen.
Der Vatikan war von Ber­lin als neu­­traler Staat dip­lo­ma­tisch an­er­­kannt, und der Papst ge­noss als „Staats­­­ober­­haupt“ in­ternational ga­­ran­tierte Im­­mu­ni­tät. Um Gewalt ge­gen den Papst einzu­set­zen, war der Befehl vom Füh­rer not­wendig.
Bei einer deutlichen diplomatischen Kampf­ansage an dem Mon­­tag hätte Pius XII. Hitler die Botschaft geschickt: »Die Juden kommen frei oder du musst mich mit ihnen de­portieren!«
 
Es ist zwar unwahr­schein­lich, dass Hitler überstürzt Ge­walt gegen Papst Pius befohlen hätte, aber es war denkbar. Sein ge­heimer Plan einer Vatikan­be­setzung und Verhaftung des Papstes war zu diesem Zeitpunkt noch aktuell. Wäre es dazu gekommen, hätte Pius XII. ein wahres Zeugnis heroischer Tugend gegeben: Schutz der Juden Roms mit seinem Amt und seinem Leben!
           
Die Pius-Verteidiger im Vatikan haben gute Gründe, den dramatischen Hilferuf der römischen Juden im verschlossenen Archiv zu behalten. Der Brief belastet Pius XII. sehr.
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü