Die nicht-veröff. Enzykl. - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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1933-45
Die nie veröffentliche Enzyklika gegen Rassismus und Antisemitismus

Im letzten Jahr seines Pontifikates wollte Papst Pius XI. ein mächtiges Zeichen gegen den Rassismus und Antisemitismus setzen. In Hitler-Deutschland war der Judenhass von Jahr zu Jahr gewachsen und die Diskriminierung der Juden unerträglich geworden. Im faschistischen Italien bahnten sich 1938 ähnliche Entwicklungen auf staatlicher Seite an.

Pius XI. wollte eine Enzyklika veröffentlichen, die den aktuellen Antisemitismus und den Rassismus allgemein deutlich verurteilte. Es sollte sein Vermächtnis werden an die Welt in dieser unruhig geworden Zeit der Despotie und Rassenverachtung. Dazu kam es jedoch nicht. Pius XI. wurde hingehalten und am Ende ausmanövriert.


(In Vorbereitung)
Verpasste Chance

Die verhinderte Enzyklika gegen Rassismus und
 Antisemitismus
  
Veröffentlichungen im Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg
 Frb. i.Br. xx/xxxx
 
 von Klaus Kühlwein
  
 
Mitte Juni 1938 bekam der 58-jährige US-amerikanischen Jesuitenpater John LaFarge überraschend Post aus dem Apostolischen Palast. Pater LaFarge machte gerade Station in Rom während einer kleinen Europareise. Er war aus den Staaten herüber gekommen, um sich vor Ort ein besseres Bild zu machen von den Auswirkungen der Diktaturen in Deutschland und Italien.

Ein Jahr zuvor hatte er seine gesellschaftskritische Studie Interracial Justice. A Study of the Catholic Doctrine of Race Relations veröffentlicht. Ein Exemplar hatte er auch an Papst Pius XI. geschickt.

Pater LaFarge war sehr überrascht und nicht wenig beunruhigt, als er direkt aus dem päpstlichen Sekretariat in einem gelb-weißen Umschlag, wie er bemerkte, eine Einladung zur Privataudienz bei seiner Heiligkeit bekam. Nur bei besonderen Anlässen würde eine solche höchste Audienzeinladung über den jesuitischen Provinzialvorgesetzten oder hier in Rom über das Jesuitengeneralat im Borgo Santo Spirito erfolgen und dann auch nur in Begleitung von Vorgesetzten.
LaFarge konnte sich keinen Reim auf die geheime Order machen. Es gab keinen Anlass und seine Vorgesetzten waren nicht eingeweiht. Welche Bedeutung konnte ein einfacher Jesuitenpater für seine Heiligkeit haben, fragte er sich. Ein Zusammenhang mit seinem Buch stellte er nicht her.

Jesuitenpater John LaFarge
 

Der alte Pius XI. hatte gute Gründe, sich über die Gepflogenheiten hinwegzusetzen und Pater LaFarge unter konspirativen Umständen zu treffen. Es war nur Wochen her, seit ein quälend langer Entscheidungsprozess zur NS-Rassenlehre unbefriedigend zu Ende gegangen war. Schon mehrere Jahre waren im Hl. Offizium, der zentralen päpstlichen Behörde für die Reinheit des Glaubens und der Moral, Überlegungen zur Rassenfrage anhängig. Die Frage war, ob und gegeben falls wie man auf die regierungsamtliche Rassenlehre in Deutschland reagieren sollte.

Unstrittig war, dass diese Lehre dem katholischen Glauben über die Gleichheit aller Menschen widersprach. Strittig war jedoch die Antwort darauf. Wie intensiv sollte sie sein, und welchen Rang sollte sie haben? Einflussreiche Kreise in der Kurie wollten auf keinen Fall ins diplomatische Fettnäpfchen treten und die NS-Regierung durch ein „politisches“ Statement verärgern, unter Umständen sehr verärgern. Das konnte man nur, wenn der Focus streng auf die reine Glaubenslehre konzentriert blieb und wenn man Sache nicht zu hoch hängte.

Am Ende setzten sich jene durch, die die Angelegenheit als äußerst delikat betrachteten. Allergrößte Vorsicht und Umsicht sei geboten. Es wurde entschieden, dass nicht das höchste Amt des Hl. Offiziums, sondern die untergeordnete Studienkongregation tätig werden sollte. Man hatte acht Thesen zur Rasenfrage formuliert, die die Studienbehörde öffentlich als Irrtum deklarieren sollte. Katholische Universitäten und theologische Fakultäten auf der Welt sollten diese Irrtümer mit wissenschaftlichen Methoden beleuchten und die Wahrheit von der Einheit des Menschengeschlechtes verteidigen.
 
Genügte es, fünf Jahre nach der Machergreifung Hitlers und einer ebenso langen Ausgrenzung, Unterdrückung, und zuweilen offene Verfolgung von Juden, nur acht Thesen zu verurteilen? Und genügte es, sie nur in den akademischen Elfenbeintürm beleuchten zu lassen? Das fragten sich nicht nur viele Kritiker des wachsweichen Kompromisses in der Kurie, das fragte sich auch Papst Pius XI. selbst. Er hatte in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ gut ein Jahr zuvor schon einmal die NS-Rassenfrage angesprochen und verurteilt. Aber ähnlich wie bei den acht Thesen jetzt lag der Focus auf der theologischen Dimension. Die ganze Enzyklika war nicht veröffentlich worden, um den Nationalsozialismus zu brandmarken, sondern um die religiösen Rechte der Kirche zu verteidigen und den reinen Glauben an Gott zu verkünden. Der Kirchenkampf der Nazis war Thema der Enzyklika, nicht die Verurteilung des gewalttätigen NS-Regimes mit seinem arisch-nationalistischen Rassenwahn.
 
 


Papst Pius XI (1922-1939)


(wird fortgesetzt)
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