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Die Razzia beginnt

Judenrazzia Rom > Fluchtgeschichten
Die Razzia beginnt

SS im alten Ghetto und in ganz Rom


Um 5.30 Uhr am Sabbat, des 16. Okt. 1943 begann die gut vorbereitete und großangelegte Judenrazzia in Rom. Es war ein kalter, regnerischer Morgen. An mehreren Punkten im alten Juden-Ghetto drangen gleichzeitig kleine Kommandotrupps in Wohnhäuser ein und schlugen mit ihren Gewehrkolben an jene Türen, wo Juden wohnten. Die Befehle auf Deutsch wurden zwar nicht verstanden, aber jeder Bewohner wusste sofort, was los ist: Die SS kommt und holt uns!
Es gibt erschütternde Augenzeugenberichte über die Brutalität beim Zusammentreiben, über die Verzweiflung, die Angst und den Wahn­sinn in diesen Stunden. Viele Menschen schliefen noch und wurden regelrecht aus den Betten hochgerissen. Die Soldaten hatten Listen in den Händen, auf denen Namen jüdischer Einzelpersonen oder von ganzen Familien standen.
Einige Häuser im Ghetto wurden fast komplett geleert. Dadurch gerieten auch nicht-jüdische Familien in die Fänge der Verhaftungskommandos. Nur wer Glück hatte oder beweisen konnte, dass er garantiert nicht auf der Liste steht, blieb ungeschoren.
Viele der überraschten Bewohner reagierten panisch. Was war jetzt zu tun? Könnten sie noch fliehen? Wohin würden sie gebracht? Dürften sie vielleicht noch einmal zurückkommen, um Notwendiges mitzunehmen? Nach dem ersten Schock brach Hektik aus. Für Babys, Kinder, alte Leute und die Kranken musste mitgesorgt werden. Genug Essen für acht Tage pro Person war selten im Haus. Welche Wertsachen sollte man mitnehmen? In die Taschen oder Koffer passten nicht genug Kleidungstücke und notwendige Decken. Die zwanzig Minuten verflossen so schnell, dass viele keine Zeit fanden, sich selbst warm anzuziehen. Die SS-Soldaten drängten zur Eile, und sie sparen nicht mit rüden Worten.

Etliche der Erwachsenen unter den zuerst Festgenommenen wurden noch im Nachthemd oder nur notdürftig bekleidet mit einer Jacke auf die Straße gejagt. Aus verschiedenen Richtungen der Ghettostraßen wurden Gruppen von Menschen jeden Alters in Richtung Marcellustheater getrieben. Es waren viele Familien darunter, die ihre Kinder beruhigten und darauf achten mussten, ihre Alten oder Kranken nicht zu verlieren. SS-Männer begleiteten die Trupps. Zuweilen stießen sie mit ihren Gewehrkolben Einzelne zurück in Reih und Glied und trieben die Gruppe lauthals an. Die Verhafteten waren verängstigt und verstört. Einige weinten oder jammerten leise. Andere versuchten bei den Wachen Mitleid zu erwecken. Bis auf seltene Ausnahmen gab es für die Abgeführten aber kein Erbarmen.

Die bei der Ghettorazzia ge­fassten Juden brachte man zu ei­nem vorübergehenden Sam­mel­­punkt. Der Ort lag schräg ge­­genüber der Syn­a­goge, di­rekt am Portico d´Ottavia. Dort gab es eine antike Aus­gra­bungs­stel­le, die zwei bis drei Meter un­ter dem Stra­ßen­ni­veau lag. Das war eine ideale Stelle, um die Juden ohne gro­ßen Si­che­rungs­aufwand auf den Ab­trans­port warten zu lassen.
Heute noch ist die Sam­­melstelle nahezu unverändert – von Gelän­dern und Zugangstreppen abgesehen. Der Platz beim Portico trägt mittlerweile den Namen »Largo 16 ottobre 1943«.

Außerhalb des Ghettos waren in ganz Rom mobile Greifkommandos unterwegs. Sie fuhren planmäßig und nach ihrer Liste einzelne Adressen ab, wo Juden gemeldet waren. Da die Razzia bis zum frühen Nachmittag dauerte, waren etliche Juden außerhalb des Ghettos schon alarmiert bevor die SS an ihrer Tür klingelte. Die Nachricht von einer Verhaftungswelle der Deutschen war an dem Samstagmorgen geradezu durch Rom geflogen. Wer sie ernst genommen hatte und fürchtete, dass auch bei ihm Soldaten auftauchen würden, machte sich auf und davon.
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