Die Seligpreisungen - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Bergpredigt
Zum Auftakt der Bergpredigt
überrascht Matthäus mit einer Liste von Seligpreisungen, die Jesus bestimmten Menschengruppen zuspricht (5,3-12):

  • Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
  • Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
  • Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
  • Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
  • Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
  • Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
  • Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
  • Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
  • Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
  • Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

  
Diese Worte sind das Fundament, auf dem Jesus seine gesamte Bergpredigt stellt. Die „Seligpreisungen“, wie sie gemeinhin heißen, sind keine Vertröstungen für ein fernes jenseitiges Leben, sondern Glückwünsche hier und jetzt. Mit sanften, eindringlichen Worten beglückwünscht Jesus Menschen, die auf der Schattenseite religiös-gesellschaftlichen Lebens stehen. Die Zusagen sind so breit gestreut, so verheißungs- und aussagevoll, dass sie wie eine kunstvolle Ouvertüre klingen, die das ganze Musikstück Bergpredigt zu verdichten vermag.
 
Die Seligpreisungen der Bergpredigt
nach Matthäus

Veröffentlichungen im Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg
Freiburg. i.Br. 011/2017*
 
von Klaus Kühlwein

     Inhalt

Vorbemerkung: Berg ist nicht gleich Berg
Eine neuer Mose und mehr
Selig die Einfaltspinsel?
Arm sein
Die Trauernden und Ohnmächtigen
Die Gewaltlosen
Nach Gerechtigkeit Sehnende und Barmherzige
Herzensreine, Friedensstifter und Verfolgte


Vorbemerkung: Berg ist nicht gleich Berg
Liebte Jesus Berge? Die Frage klingt merkwürdig. Doch sie drängt sich auf, wenn man von Matthäus bis Johannes herumblättert. Gleich im ersten Evangelium stoßen wir zu Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu auf einen Berg. Matthäus erwähnt ihn wie zufällig. Weil Jesus die vielen Menschen sah, die ihn hören wollten, stieg er eben auf die nächst beste Höhe. Dort setzte er sich und begann zu lehren. Eigentlich ist das nicht außergewöhnlich. Israelkundige werden die­se Szene mit Jesus noch weniger staunenswert finden. Am Nordufer des Sees Genezareth führt jedes Touristenprogramm auch zum Berg der Seligpreisungen. Es ist eigentlich kein Berg, eher eine Hügellandschaft, wo Jesus nach alter Überlieferung seine berühm­ten Preisungen mit den weiteren Bergworten gesprochen haben soll.


Eine neuer Mose und mehr
Aus dem Blick zurück und von dort aus wieder nach vorne gewinnen so manche Bemerkungen und Anspielungen im Matthäusevangelium ein anderes Gewicht als wären sie neutral geschrieben. Die Chiffre Berg und Lehre auf dem Berg steht zweifellos an vorderster Stelle.
 
Im jüdischen Empfinden ist der Berg der klassische Ort wirkmächtiger Gottesoffenbarung. Auf dem Berg zeigte sich Jahwe in Herrlichkeit, in Macht und Gesetzen oder auch im leisen Säuseln. Herausragend dafür war der legendäre Gottesberg Horeb, von dem im alten Israel niemand mehr zu sagen vermochte, wo er eigentlich liegt. Aber jedem in Israel wurde von Kind an erzählt, was sich am und auf dem Horeb zu Zeiten des Mose zugetragen hatte: Der feierliche Empfang der heiligen Tora mit dem Bundesschluss zwischen Jahwe und den Kindern Israels. Vereint mit dem zusammenhängenden Exodus bildet dieses Ereignis den Identitätskern des jüdischen Selbstverständnisses – bis heute. Von diesem lebendigen Geschichtsbewusstsein her ist es ein unverkennbares Signal, wenn Jesus auf einen Berg steigt und lehrt. Je genauer wir obendrein uns die näheren Umstände und Inhalte dieser ersten großen Jesusrede vor Augen halten, desto massiver leuchtet der religiöse Hintergrund der Episode auf.

Unmissverständlich verweist Matthäus auf ein zweites und endgültiges Heilshandeln Gottes. Beim ersten Mal war Mose der gesandte Retter und Lehrer Israels. Jetzt ist es Jesus. Damals stieg Mose auf den Berg, ließ das Volk am Fuße zurück und nahm nur siebzig Älteste mit. Jetzt steigt Jesus erneut auf einen Berg, lässt das Volk unten und hat nur seine Jünger bei sich. Auf dem Berg empfing Mose den höchsten Gotteswillen für das Volk, die Gebote der heiligen Tora. Jesus übermittelt auf dem Berg seinen Jüngern und dem Volk auch den höchsten Gotteswillen, aber jetzt kraft eigener Autorität. Mose und die Propheten sprachen stets im Namen Jahwes. Gemeinhin eröffneten sie ihre Reden mit der Formel: »So spricht der Herr ...«. Jesus wird im Zentrum der Bergrede, wenn er sein neues Gesetz vorstellt, sprechen: »Ich aber sage euch«.1 Damit überbietet er die Propheten und auch Mose, den ersten unter den Gottesmännern Israels. Für Matthäus ist wichtig: Jesus tritt mit messianischer Autorität auf und verkündet in seiner Person dem Volk den letzten wahren Gotteswillen.

Aus der matthäischen Szenenbeschreibung ist unverkennbar, dass die vielen Menschen am Fuß des Berges, die Jesus zuhören, das Volk Israel repräsentieren. Matthäus notiert (4,25): »Scharen von Menschen aus Galiläa, der Dekapolis, aus Jerusalem und Judäa und aus dem Gebiet jenseits des Jordans folgten ihm« (gemeint Jesus). Jesus sieht diese Menschen und steigt auf einen Berg. Bei der summarischen Aufzählung orientierte sich Matthäus neben der Hauptstadt Jerusalem an den drei klassischen Landstrichen, die traditionell das Gelobte Land ausmachen. Das Gebiet der freien zehn Städte (Dekapolis) findet deshalb Erwähnung, weil es im Königreich David zu Israel der Väter gehörte. Durch eine einflussreiche Traditionslinie wurde dieses Wissen wach gehalten.

Damit sind nicht allein die Jünger oder andere ausdrückliche Anhänger Adressaten der Bergpredigt, sondern das ganze Volk. Für Matthäus ist wichtig, dass sich die anfängliche Sammlung Israels zu einer allgemeinen Völkersammlung weitet. Am Ende des Evangeliums sendet der auferstandene Herr seine Jünger zu allen Völkern, um aus ihnen neue Jünger zu gewinnen (Kap. 28,19f). Diese sollen sie lehren, alles zu befolgen, was Jesus geboten hatte. Spätestens hier ist klar: alle Menschen sind letztlich Adressaten der Bergpredigt. Wer sich zur Jüngerschaft entschließt, gehört zum neuen Volk Gottes aus Juden und Heiden. Es lebt in der Nachfolge ihres Herrn und hält treu seine Weisungen. So wird es zum »Salz der Erde«, zum »Licht der Welt«, zur »Stadt auf dem Berge« (Kap. 5,13f).
  
Welcher Art von Lehre legte Jesus auf dem Berg seinen Jüngern aus aller Welt ins Herz? Müsste es nicht das Gesetz der Tora betreffen? Jeder Hörer erwartet, dass er als der neue Mose autoritativ der Tora etwas hinzufügt oder wegnimmt, sie verschärft oder glättet. Nach dem bisher Bedachten liegt das auf der Hand.

Viele Bergpredigtinterpreten denken in diese Richtung. Beispielhaft verfährt der jüdische Autor Pinchas Lapide.2 Er behandelt den Berggang Jesu und dessen darauffolgendes Grundsatzstatement in Kap. 5,17-20 als feierliche Präambel zu einem Reigen verschärfter Auslegungen wichtiger Ge­setze. Erst danach sieht er den Weg frei für die Einzel­auslegung. Es ist reizvoll, so vorzugehen. Die Predigt auf dem Berg passt dann wunderbar in das Schema, das sich nach dem Gesetz und dem Gesetzesverständnis ausrichtet.
 Doch Jesus stellt sich diesem planvollen Ansinnen offen in den Weg.
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* leicht bearbeiteter Auszug aus: ders.,: Chaosmeister Jesus. Die Bergpredigt.

 
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