Dilemma? - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Pius XII.
 
Pius XII. im Dilemma?
 
Musste er das geringere Übel wählen
und deshalb schweigen?

Ethische Bemerkungen zu einem außerordentlichen Konflikt
 
In seinem Interview-Buch von 2010 hat Papst Benedikt XVI. über seinen Vorgänger Pius XII. angemerkt:

„Ich glaube, dass er gesehen hat, welche Folgen ein offener Protest haben würde. Er hat darunter, das wissen wir, persönlich sehr gelitten. Er wusste, er müsste eigentlich sprechen, und doch hat es ihm die Situation verboten.“

Deshalb habe Pius notgedrungen einen indirekten Weg gesucht: „Er handelte oft im Verborgenen und in der Stille, gerade weil er im Licht der konkreten Situationen jenes komplexen historischen Augenblicks spürte, dass man nur auf diese Weise das Schlimmste verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden retten konnte.“ So Benedikt näher in seiner Festpredigt im Petersdom zum 50. Todestag Pius XII.

Was Papst Benedikt hier grundsätzlich über das Schweigen seines Vorgängers und über sein „indirektes“ Handeln anmerkt, ist in den letzten Jahren die offizielle Verteidigungsposition Pius XII. geworden.

(wird forgesetzt)
 
Eine Anmerkung und Korrektur zum
Wikipedia-Eintrag auf der Personenseite
KLAUS KÜHLWEIN:

In Wikipedia steht die Bemerkung, dass
Pius XII. nach Kühlwein wegen einer „fundamentalen ethischen Unsicherheit zum Holocaust“ geschwiegen habe. Die Unsicherheitsthese wird an anderer Stelle wiederholt.

Diese Formulierung ist missverständlich.
Die Unsicherheit Pius XII. war nur das Symptom seiner Diplomatie, nicht die eigentliche Ursache. Diese lag darin, dass er in der moralischen Herausforderung des Holocausts keine Gewissensfrage sah, die unbedingt verpflichtete (ohne Abwägung möglicher Folgen/Erfolgsaussichten), sondern eine Frage zweckrationaler Diplomatie.
Diese Entscheidung erlaubte ihm eine Güterabwägung vorzunehmen, die erwartete schlimmere Folgen vermeiden sollte.

In der moraltheologischen Tradition der Kirche ist die Erlaubnis zur Güterabwägung in Konfliktsituationen deutlich begrenzt. Sie darf nur in den Fällen angewendet werden, wo nicht-sittliche Handlungsalternativen offen stehen, bzw. wo keine unveräußerliche Werte oder Tugenden verletzt werden. Stehen grundlegende Werte auf dem Spiel, gilt nur der unbedingte Gewissensspruch.

In der Praxis ist nicht einfach zu entscheiden, wann der eine oder andere Fall vorliegt. Man kann sich schnell in die eigene Tasche lügen. Es reicht, in Abrede zu stellen, dass bei Handlungsoptionen grundlegende Werte verletzt werden. Das macht den Weg frei für Abwägungen und Kompromisse aller Art.

Konflikte durch Abwägungen oder Kompromisse zu lösen ist diplomatisch bequemer als eine ethische Stopplinie durchzusetzen. Ein Gewissensspruch, der unveräußerliche Werte verteidigt, fordert eine besondere Standfestigkeit. Man muss das „Gute“ tun, ohne die mögliche Folgen zu kalkulieren und ohne sich an die Erfolgsaussichten zu orientieren. Das ist Konsens in der christlichen Ethik.

Eine Güterabwägung dagegen überdenkt die Konsequenzen, sie sucht Kompromisslinien, will bestimmte Folgen vermeiden und unter dem Strich Erfolg verbuchen. Diese Option ist kalkulierbar und vermeintlich sicherer als eine unbedingte Gewissensentscheidung. Sie ist auf den ersten Blick auch besser zu kommunizieren als eine "So-nicht-Entscheidung". Doch nur auf den ersten Blick! Wer immer durch eine Güterabwägung entscheiden will, muss auch bereit sein, grundlegende Werte oder moralische Prinzipien zur Disposition zu stellen. Abwägende Kompromisse und zweckrationale Erfolgsrechnungen verlangen alles auf den Verhandlungstisch zu legen.

Mehrere Äußerungen und Stellungnahmen Pius XII. belegen, dass er immer wieder darüber nachdachte, ob seine Entscheidung für eine zweckrationale, abwägende Diplomatie ethisch korrekt ist. Das belegen auch einige Schritte, die er tat oder vorhatte zu tun, und das bestätigen Zeugen aus seiner näheren Umgebung. In diesem Punkt war Pius wesentlich selbstkritischer als unzählige Verteidiger seines Schweigens bis heute.

Hier liegt die sogenannte „Unsicherheit“ von Pius XII. begründet.  Er wusste, dass es ethisch gute Gründe gab, sich kompromisslos-schützend vor die verfolgten Juden zu stellen und nicht weiter eine zurückhaltende, güterabwägende Diplomatie zu verfolgen. Doch bis zum Kriegsende löste er diese Spannung nicht auf, eine Spannung, die ihn hin- und herzog. Doch immer wieder klammerte er sich an die vermeintliche Erlaubnis, konsequentialistisch denken und handeln zu dürfen, handeln zu müssen.

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Der Begriff „Gewissensfrage“ o.ä. wird hier formelhaft benutzt. Nähere moraltheologische Erläuterungen sind notwendig. Das gleiche gilt für den Fragekomplex „Güterabwägung“ und „das kleinere Übel“ wählen.
Näheres ist auf der Unterseite „Dilemma“ zu finden.

Vgl. dazu entsprechende Abschnitte in den Veröffentlichungen:

- „Holocaust und Vatikan: Ein Schuldbekenntnis ist überfällig“
 in: Frankfurter Rundschau, 14.04.2015 oder in: Deut. Nationalbibliothek
- Buch: „Warum der Papst schwieg“ (zentral: S. 195-224)
- Buch: „Pius XII. und die Judenrazzia in Rom“ (zentral: S. 317-327)
- sowie in der aktualisierten Short-Ebook-Reihe (in Vorb.).
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