Fluchtversuche - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Judenrazzia in Rom > Fluchtgeschichten
Die Razzia beginnt
Gescheiterte Fluchtversuche
Ausgewählte Berichte

Bei der Ghettorazzia suchten nicht Wenige ihr Heil in der Flucht. Wem es gelang über die Ti­berbrücke nach Trastevere zu rennen, wurde meist von hilfsbereiten Anwohnern in Häusern versteckt. Auch in den Straßen des Ghettos konnte mancher durch die Reihen schlüpfen. Dannecker hatte nicht genug Leute, um das Viertel mit einem lückenlosen Ring einzuschließen. Wer rechtzeitig aus der Wohnung floh, bevor die Soldaten an ihre Tür polterten, kletterte über Dächer, kroch von Keller zu Keller oder schlich durch verwinkelte Gassen.


Signora Rosa Anticoli

Kein Fluchtglück hat Signora Rosa Anticoli auf der anderen Seite des Ghettos. Als Signora Anticoli die Razzia bemerkt, fasst sie den Plan, sich kaltblütig als eine unbeteiligte Bewohnerin auszugeben und sich mit ihren vier Kindern davon zu machen. Geschwind zieht sie sich die besten Kleider an. Auch ihre Kinder putzt sie rasch heraus. Dann steigt sie hinunter auf die Straße und läuft so beherrscht wie möglich in Richtung Straßenbahnhaltestelle am Rande des Ghettos. Anfangs schafft sie den Weg ohne auffällig zu wirken. Doch je näher die rettende Straßenbahn kommt, desto nervöser wird sie – vielleicht auch, weil eines der Kinder krank ist. Nicht lange und eine SS-Wache schöpft Verdacht. Der Soldat ruft der Signora hinterher:
»Jude, Jude!«
Da ver­sagen die Ner­ven von Signora Anticoli. Ihre Tarnung fliegt auf. Vor der herbei geeilten Wache sinkt sie auf die Knie und fleht um Barmherzigkeit für ihr krankes Kind. Es hilft nichts. Der Soldat schreit sie auf Deutsch an und treibt sie und ihre Kinder mit Gewehrstößen zum Sammelpunkt.


Eine Unbekannte und ihre Kinder

Eine andere Frau, deren Namen nicht überliefert ist, wähnt sich mit vier Kindern schon in Sicherheit. Beim Auftauchen der Soldaten hatte sich ihr Ehemann rasch in einem leeren Wassertrog versteckt. Die beiden glaubten, dass die Deutschen nur auf Männerjagd für Zwangsarbeit wären.
Bei der Durchsuchung des Hauses fliegt das provisorische Versteck des Mannes auf; er wird umgehend abgeführt. Der Frau gelingt es derweil mit ihren Kindern auf die Gasse zu entwischen. Dort schafft sie es an die Tiberuferstraße, wo keine Soldaten herumstreifen. An der Ponte Garibaldi sieht sie einen Lastwagen der Deutschen vorbeifahren. Er hat gefangene Juden aufgeladen. Da entdeckt die Frau Verwandte von ihr auf der Ladefläche, und unwillkürlich entfährt ihr ein lauter Schreckensschrei. Der Fahrer stoppt misstrauisch. Schnell wird der Begleitwache klar, dass die Frau und die Kinder Juden sein müssen, die abgehauen waren. Als sie die kleine Gruppe auf den Laster verfrachten, gibt es einen Tumult. Die Frau schreit um ihr Leben und die Kinder weinen. Jetzt mischt sich ein unbeteiligter Passant ein. Er will ein Kind retten. Gegenüber der Wache be­hauptet er, dass eines der Mädchen seine Tochter sei und nimmt das Mädchen zu sich. Doch die Kleine lässt sich bei ihm nicht beruhigen. Sie wehrt sich, weint laut und will zu ihrer Mama.
Der Täuschungsversuch zur Rettung dieses Kindes scheitert. Die Wache zerrt das Mädchen aus der Hand des Passanten und hievt es auf den Laster. Alle zusammen landen im Collegio Militare.


Signora N. mit ihrer kleinen Tochter

Ebenfalls tragisch verläuft die Selbstrettung von Signora N. mit ihrer kleinen Tochter. Unbemerkt von den Soldaten gelingt es der Signora sich mit ihrer Kleinen in eine Bar zu retten. Hier ist sie vorläufig in Sicherheit. Als draußen vor der Bar eine laute Diskussion entbrennt, schaut Signora N. verstohlen durch das Fenster. Ein junger Journalist streitet auf Deutsch mit einer Wache um die Freilassung einer schwangeren Frau, die gerade abtransportiert werden soll. Plötzlich erkennt die Signora bei der Gruppe der zum Abtransport bereitstehenden Menschen ihre Schwester. Sie macht auf sich aufmerksam und gestikuliert verräterisch in Richtung ihrer Schwester. Das fällt einem Wachposten auf. Schnurstracks geht er in die Bar und holt die Signora mit ihrer kleinen Tochter heraus. Draußen wird dem Soldaten schnell klar, dass die festgenommene Jüdin und die Signora verwandt sein müssen. Frau N. landet mit ihrem Kind auf dem Lastwagen.


Clara Sereno

Die 32jährige Clara Sereno in der Via Sicilia konnte sich zwar nicht ihrer Verhaftung entziehen, aber noch am selben Tag hätte sie wieder frei kommen können. Sie war nämlich mit dem „arischen“ Prof. Biocca verheiratet und lebte somit in „Mischehe“. Dannecker wird nach einer Identitätsüberprüfung im Collegio Militare solche Personen und andere ähnliche Fälle am späten Nachmittag wieder frei lassenmüssen. Doch vermutlich aus Angst, die SS könnte dann in ihr Wohnhaus zurückkehren, wo ihre ältere Schwester Elsa mit ihrer 15-jährigen Tochter Giovanna lebte, bestand Clara nicht auf ihren Mischehestatus und ihre Freilassung. Ich danke an dieser Stelle herzlich dem Großneffen von Clara, Signor Giorgio Sirugo, sowie seiner Großmutter, Giovanna Luccardi, für die Überlassung näherer Informationen. Signora Luccardi war am 16. Okt. bei der Verhaftung ihrer Tante Clara Sereno als Zeugin dabei gewesen.
Am Razziamorgen gegen 7.20 Uhr kamen zwei SS-Soldaten zum Haus der Serenos mit einer Liste, auf der die Namen der Geschwister Clara und Renzo Sereno standen. Renzo lebte aber schon seit 1932 in Amerika. Arglos hatte Clara die Tür geöffnet und verdutzt den beiden SS-Männern ihren Namen bestätigt. Die Soldaten drängten Clara in den Flur und verlangten nach Renzo. Vom Gepolter alarmiert eilte Claras ältere Schwester Elsa herbei. Sie konnte Deutsch und fing mit den SS-Männern an zu diskutieren. Elsa verbat sich das gewaltsame Eindringen; dies hier sei das Haus eines hohen italienischen Offiziers. Da die zwei Soldaten Elsa verdächtigten auch eine Jüdin zu sein und sie zusammen mit Clara verhaften wollten, kam es zu einem Wortgefecht. Elsa widersetzte sich und erklärte energisch, dass sie die Frau von Colonello Luccardi sei, der in Russland gekämpft habe und jetzt vermisst werde. Vom Lärm aufgeschreckt kam währenddessen die 15-jährige Giovanna die Treppe hinunter, noch im Pyjama. Ihre Mutter Elsa wollte sie aus der Situation fernhalten und rief ihr eilig zu, sie solle Colonello Della Martina anrufen. Elsa hoffte, dass ihre Tochter dafür eine Weile brauchen würde – allein schon um die Nummer zu suchen. Doch Giovanna kam unversehens zurück und lief im Esszimmer dem jüngeren SS-Soldaten in die Arme. Dieser packte sie und sagte zu ihr etwas auf Deutsch. Giovanna verstand nur das Wort „Jude“. Sofort verteidigte sie sich wie ihre Mutter:
»Ich bin die Tochter des Colonello Luccardi, vermisst in Russland«, Giovanna erinnernd weiter: »Der Soldat verstand bestimmt die Worte `Colonello´ und `Russia´, denn er wurde einen Augenblick unsicher. Dann versetzte er mir einen Stoß in Richtung Tür.«
Giovannas Mutter hatte die Stimme ihrer Tochter gehört und lief zu ihr ins Esszimmer. Der ältere SS-Soldat folgte ihr.  Dort pfiff er seinen Kameraden zurück:
»Diese stehen nicht auf der Liste«, sagte er und wandte sich Clara zu. Sie habe fünfzehn Minuten Zeit alle notwendigen Sachen zu packen, darunter Geld und Schmuck. Den Serenos blieb keine Wahl. Elsa und Giovanna packten rasch einen Koffer für Clara. Sie war gesundheitlich angeschlagen; gerade hatte sie eine Typhusinfektion überstanden. Auf ihre Schwäche nahmen die Soldaten keine Rücksicht. Als Clara ihren Koffer zum Lastwagen schleppte und ihn nur mühsam auf den Wagen hievte, wurde mit einer Ohrfeige nachgeholfen.
Die Familie hat Clara nie wieder gesehen. Für Signora Giovanna Sereno ist heute noch die Erinnerung schmerzvoll, dass damals die Pförtnerin nicht über die vorhandene Sprechanlage vor den SS-Soldaten gewarnt hatte: »Es hätte genügt, wenn uns über die Anlage Alarm gegeben worden wäre. Dann hätten wir die Öffnung der Tür verzögern können und Clara wäre es möglich gewesen über die Hintertreppe zu entkommen.« Die Wohnung verfügte über zwei Treppen und vier Türen, wie Giovanna ausdrücklich vermerkte.

Wie oben erwähnt, dürfte Clara aus Furcht vor einem erneuten Besuch von SS in ihrem Haus bei der „Mischling-Überprüfung“ Danneckers geschwiegen haben. Das vermuten Signora Giovanna Luccardi und ihr Sohn Giorgio Sirugo. Clara kam nicht frei und musste mit anderen den Weg nach Auschwitz antreten.

Die Verhaftung und Deportation Signora Serenos hatte ein diplomatisches Nachspiel. Die Familie setzte viele Hebel in Bewegung, um eine nachträgliche Befreiung zu erwirken. Sie wandten sich an die Deutsche Botschaft in Rom, an das italienische Außenministerium und evtl. auch an den Vatikan. Von der Deutschen Botschaft und der Farnesina gab es offizielle Nachfragen in Berlin.
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