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Gerettet - Nachbarn

Judenrazzia Rom > Fluchtgeschichten
Die Razzia beginnt
Gerettet – hilfsbereite Nachbarn
Ausgewählte Berichte
 


Familie Seramoneta

Durch die ungewöhnliche Unterstützung hilfsbereiter Anwohner der Straße konnte sich die Familie Seramoneta (Eltern, Tochter und Großmutter) retten.      

Sie wohnen in der Via degli Scipioni 35. Schon gegen sieben Uhr in der Frühe kommen zwei Soldaten und holen die Seramonetas aus der Wohnung. Bepackt mit ihren Habseligkeiten werden sie auf die Straße gestoßen und in Richtung der nahen Kreuzung Via Leone IV getrieben. Dort wird der Lastwagen für den Abtransport erwartet. Da sich der Wagen aber verspätet, lassen sich die Soldaten Zeit.
Die Familie Seramoneta ist in der Straße gut bekannt. Einige Anwohner, die die Verhaftung mitbekommen haben, laufen herbei und verfolgen am Straßenrand die Verhafteten. Zunehmend hört man Rufe wie:
»Los! Haut ab!«
Doch die Angst der vier Seramonetas vor den bewaffneten beiden SS-Sol­da­ten ist zu groß. Von Minute zu Minute schließen sich immer mehr Menschen der Verfolgergruppe an. Gemeinsam fasst man Mut. Alle schieben sich näher und näher an die Seramonetas heran. Die Soldaten können die Leute nicht verjagen. Als die Anwohner eng herangekommen sind, packt ein junges Mädchen die 17-jährige Tochter Rosetta am Pullover und zieht sie zu einem Haus­ein­gang. In diesem Augenblick schließen die Anwohner einen hermetischen Kreis um die Verhaftungsgruppe. Die Seramonetas lassen ihre Koffer fallen und nutzen die geschaffene Fluchtsituation, um ihrer Tochter zu folgen. Sie schlüpfen durch die Reihen, rennen gemeinsam in eine Seitengasse und verschwinden im nächsten Hauseingang. Dort wird ihnen weitergeholfen. Die zwei Soldaten können gegen die Menschenmenge nichts tun. Sie müssen machtlos zusehen, wie ihnen die vier Juden entwischen.

Nach Rosetta Loy, die damals in Rom lebte und diese Geschichte recherchierte, waren die zwei Soldaten wutentbrannt zum Haus der Seramoneta zurückgegangen. Dort hätten sie lautstark versucht, eine junge Frau etwa im Alter von Rosetta mitzunehmen. Ob die übertölpelte SS-Polizei durch diese Aktion den dreisten Anwohnern einen gehörigen Schrecken einjagen oder ob sie tatsächlich eine Vergeltungsverhaftung vornehmen woll­ten, ist nicht überliefert.

 
Zwillinge Marina und Mirella Limentani

Rettende Hilfe von ungewöhnlicher Seite bekamen auch die Zwillinge Marina und Mirella Limentani. Die beiden jungen Frauen von 18 Jahren lebten mit ihrer Schwester Giuliana, den Eltern und den Großeltern in der Via Arenula an Rand des Ghettos.
Als sie die Razzia bemerkten, beschlossen sie in kleinen Gruppen aus dem Haus zu fliehen: zuerst die Großeltern, dann die Eltern und zum Schluss die drei Mädchen. Bevor sich alle aus dem Haus wagten, sagte Signor Limentani seinen Töchtern, dass sie im obersten Stock bei Ingenieur Carlucci um Hilfe bitten könnten, falls irgendetwas passiere. Die Flucht der Großeltern und der Eltern aus dem Haus gelang. Doch dann wurde die Wache in der Straße aufmerksam. Die Mädchen kamen nicht mehr raus. Rasch liefen sie in den obersten Stock zu Signor Carlucci. Marina weiter:
»Ich und meine Schwestern Giuliana und Mirella klopften an die Tür des Ingenieurs. Er öffnete uns und bemerkte sofort, welche Hilfe wir brauchten. Mit Tränen in den Augen sagte er uns:
ˈEs tut mir ungeheuer Leid, aber ich kann nur einen von euch dreien nehmen, denn ich habe schon fünf andere Personen hier versteckt. Wenn die Deutschen kommen, wie könnte ich ihnen das erklären?ˈ
Er packte Giuliana. Ich und Mirella blieben auf dem Flur zurück – erstarrt vor Angst. Die Deutschen waren schon im Haus und stiegen die Treppe hinauf. Als sie auf dem Stock unter uns ankamen, schien uns die Lage hoffnungslos. Plötzlich öffnete sich eine Tür und zwei Arme zogen uns in die Wohnung. Ich merkte sofort, wo wir gelandet waren. Vom Regen in die Traufe, dachte ich. Wir waren in der Wohnung von niemand anderem als Signor Natoni. Er war Faschist, vor dem sich jeder hier im Wohnhaus fürchtete.«

Signor Natoni erzählte nach dem Krieg:
»Als ich bemerkte, was vorging und die Schritte auf der Treppe hörte, öffnete ich die Tür und zog die Limentani herein. Die beiden zitterten vor Kälte und Angst. Um sie zu beruhigen, gab ich ihnen einen kleinen Schnaps und versteckte sie im Schlafzimmer. Kurz darauf kamen zwei SS-Leute, um die Wohnung zu inspizieren. Ich wurde gezwungen auch die Tür zum Schlafzimmer aufzumachen. Die beiden sahen die Mädchen und wurden misstrauisch. Ich sagte ihnen, dass das meine Töchter seien, doch sie glaubten mir nicht. Ich versuchte alles, um die SS zu überzeugen: Ich holte meine faschistische Uniform hervor, das Banner mit dem Faschisten-Emblem, Fotos von Hitler, den Ausweis der PNF ... Es schien nichts zu nützen. Die SS sagte nur: ˈPapier, Papier!ˈ Das geforderte Dokument enthielt alle Namen der Familie. Ich konnte das ihnen nicht zeigen, denn sonst wäre der Schwindel aufgeflogen.
Irgendwann gab einer der beiden Deutschen dem anderen ein Zeichen, die Mädchen in Ruhe zu lassen. An mich gewandt sagte er: ˈKomm, komm!ˈ Anstelle der Schwestern Limentani wollten sie mich mitnehmen.«
Zu dieser Situation Marina Limentani weiter:
»Die fünf Kinder und die Ehefrau Natonis fingen an zu weinen und zu schreien. Ich und meine Schwester waren verzweifelt. Wir begannen mitzuweinen und zu rufen: ˈPapa, Papa!ˈ Wir fühlten uns schuldig. Gerade wollten wir sagen, dass wir Juden seien, damit uns die Deutschen gegen Signor Natoni austauschten, als Natoni uns sagte: ˈHabt keine Angst, sie werden mir nichts tun. Ich werde ihnen beweisen, dass ich Faschist bin.ˈ So brachte die SS ihn weg.«
Signor Natoni:
»Unten an der Eingangstür nahm einer der Deutschen meinen Ausweis der PNF und zeigte ihn seinem Kollegen. Zeit verging. Ich fing an mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass ich vielleicht nie mehr zurückkommen würde. Plötzlich pfiffen einige Deutsche und gaben Signal zum Abmarsch. Die Operation war zu Ende. Der Lastwagen war voll und musste losfahren. Obwohl die SS-Wache wenig überzeugt war, gab sie mir den Ausweis zurück und bedeuteten mir zu verschwinden.«

Die zwei Soldaten mussten sehr misstrauisch gewesen sein. Sie meldeten den Zwischenfall ihren Vorgesetzten. So kam es, dass Dannecker und Kappler in ihrem Vollzugstelegramm nach Berlin den Widerstand des aktiven italienischen Faschisten und Parteimitglieds eigens erwähnten.

Die Zwillinge Mirella und Marina überlebten. Sie blieben ihrem Retter Ferdinando Natoni immer dankbar. Aufgrund ihres Zeugnisses wurde Signor Natoni sogar in Yad Vashem in die Liste der Gerechten der Völker aufgenommen
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