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Gerettet - nervenstark

Judenrazzia Rom > Fluchtgeschichten
Die Razzia beginnt
Gerettet – nervenstark
Ausgewählte Berichte


Signora Emma Terracina

Ausgesprochen geistesgegenwärtig verhielt sich die junge Signora Emma Terracina. Sie war verheiratet und hatte drei kleine Kinder. In einem Interview 1991 erinnerte sie sich noch genau an jene Situation damals. Sie sei angespannt gewesen wie ein wildes Tier – sie musste doch ihre Kinder verteidigen.
Früh morgens am 16. Oktober kommt ihre Mutter atemlos zur Wohnung gerannt. Eine Razzia der Deutschen habe in den Straßen angefangen. Der Vater versuche gerade ihre vier Brüder zu warnen. In diesem Augenblick hören sie schon schwere Stiefel auf der Treppe des Hauses. Signor Terracina rennt sofort in Richtung Dachboden, um sich in Sicherheit zu bringen. Wie viele andere geht er davon aus, dass die Soldaten nur junge Männer suchen. Geistesgegenwärtig packt eine nicht-jüdische Wohnungsnachbarin die Groß­mutter mit den drei kleinen Kindern und schiebt sie flugs in ihre Wohnung.
 
Im Tumult bleibt die junge Signora Emma Terracina allein zurück. Da steht schon eine Gruppe von SS-Leuten mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen an ihrer Wohnung. Mit einem Fußtritt stoßen sie die angelehnte Tür auf. Emma versucht gefasst zu wirken. Sie sieht die Soldaten ruhig und irritiert an – mit der ungesprochenen Frage auf den Lippen, was dieses Eindringen zu bedeuten habe. Einer der Soldaten reicht ihr einen Zettel, auf dem der Namen ihres Mannes, von ihr selbst und ihren drei Kindern stehen. Dazu bekommt sie auf einer Karte die üblichen Anweisungen. Ohne sich etwas anmerken zu lassen gibt sie den Zettel protestierend zurück. Sie versucht klar zu machen, dass sie alleine wohnt. Die Personen auf dem Zettel gäbe es hier schon längst nicht mehr. Im gebrochenen Italienisch fragt man sie:
»Du nicht Jude?« Spontan erwidert Emma:
»Ich nicht Jude.«
Da lächeln die Soldaten plötzlich, und einer streicht ihr am Haar entlang. Em­ma nutzt die Situation und zeigt resolut auf die Tür. Das Kommando macht kehrt und verschwindet ohne weitere Nachforschungen aus dem Haus.

Als die Nachbarin mit den Kindern und der Großmutter herauskommen und auch der Ehemann vom Dachboden heil wieder auftaucht, fällt Emma »blutleer« auf einen Stuhl. Die Deutschen haben ihr geglaubt, die Deutschen sind einfach weggegangen. Es ist wie in einem Traum.

Selbst nach knapp fünfzig Jahren musste Emma Terracina vor ihrem Interview-partner noch aufgeregt nach Luft ringen, als sie von der Familienrettung erzählte. Natürlich seien sie nach der Razzia sofort verschwunden und hätten durch großzügige Hilfe Unterschlupf in Rom gefunden.

 
 
Signora Laurina Sonnino

Nervenstärke beweist auch Laurina Sonnino. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Ghettostraße Via di Sant’Ambrogio. Anfangs glauben auch die Sonninos, dass die Deutschen nur auf der Suche nach arbeitsfähigen Männern seien. Signor Sonnino verschwindet daher allein in den Seitenstraßen des Ghettos. Doch bald ist klar, dass alle Juden verhaftet wurden. Verwegen fasst Laurina Sonnino, die zurzeit ein eingegipstes Bein hat, einen Plan. Sie greift sich alle Zigarettenschachteln in der Wohnung und geht mit ihren Kindern hinunter auf die Straße. Dabei ist auch die zwölfjährige Rina, die später den Vorfall bezeugte. Auf der Straße verteilt ihre Mutter die Zigaretten freundlich an die Soldaten und bedeutet ihnen, dass sie mit dem Bein jetzt zum Hospital müsse. Derweil stützen die Kinder demonstrativ ihre Mutter beim schlürfenden Gang. Die Soldaten sind angetan von den Zigaretten und sagen nur »Ja, Ja«.
 
Der kleine Trupp erregt rasch die Aufmerksamkeit anderer Kinder und Jugendlicher auf der Straße. Sie gesellen sich zur humpelnden Signora und tun so als müssten sie sie unbedingt unterstützen. Als Signora Sonnino an einem Lastwagen vorbeikommt, auf den gerade ein verhafteter Bewohner der Straße aufsteigt, packte sie zu und zieht ihn in ihre Marschgruppe. Die Wachen bemerken den Coup. Aber durch das Getümmel um die Frau mit dem Gipsbein und wegen ihrer unbefangen-freund­lichen Zigarettenaktion sind die Soldaten verwirrt. Sie können sich nicht entschließen dazwischen zu gehen. Die Sonninos und einige Begleiter entkommen in Richtung der Via Monte della Farina.
 
In einer nahen Wohnung finden die Sonninos erste Zuflucht. Die kleine Rina schaut neugierig aus dem Fenster und sieht eine schauerliche Szene. Teresa, die Frau von Rabbiner Amadio Fatucci wird zusammen mit einem Enkelkind von vier bewaffneten Soldaten abgeführt. Zwei gehen vor ihnen zwei dahinter – die Gewehre im Anschlag auf die beiden gerichtet. Signora Teresa läuft ruhig in der Mitte und liest in einem Gebetbuch.
 
»Ich war zwölf Jahre alt und ich werde diese Szene nie vergessen.«
 
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