Glück im Unglück - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Judenrazzia in Rom > Fluchtgeschichten
Die Razzia beginnt
Glück im Unglück
Ausgewählte Berichte


Familie Grazia und Mose Spizzichino

Tragisch vermischt waren Glück und Unglück bei der Familie von Grazia und Mose Spizzichino. Das Ehepaar wohnte bei ihren erwachsenen Töchtern: Ada, Gentile, Giuditta und Settimia in der Ghettostraße Via della Reginella. Ada und Gentile waren verheiratet und hatten schon Kinder. Eine weitere Tochter (Enrica) wohnte außerhalb Roms in Tivoli, und der einzige Bruder (Pacifico) hatte mit seiner Frau eine eigene Wohnung in der Nähe. Die damals 22-jährige Settimia erzählte später, was am Samstagmorgen geschah:

Ada war mit ihrem Mann und dem Sohn David zeitig aufgebrochen, um Besorgungen zu machen. Man musste früh dran sein beim Schlangestehen für Essen, Zigaretten oder andere brauchbare Sachen. Ihre Schwester Enrica hatte sich an diesem Morgen auf den Weg nach Rom gemacht, um Nah­rungs­mittel zu bringen.
Settimia wörtlich:
»In der Wohnung waren ich, meine Eltern, meine Schwes­tern Giuditta und Gentile, das Mädchen von Gentile, Letizia und die Klei­ne von Ada, Rosanna. Wir hörten Last­­wa­gen vor­beifahren und danach die Schritte von schweren Mi­li­tär­stie­feln. Wir dachten an Ex­er­zieren. Wir wuss­ten nicht, dass sie das Ghetto ein­kreisten. Plötzlich ex­plo­dier­te die Piazza. Wir hör­ten Befehle in Deutsch, Ru­fe und Flü­che. Wir stürz­ten zu den Fenstern. Wir sahen deut­sche Soldaten, die Leute aus ihren Häusern trieben. In lan­ger Rei­he wur­den sie zum Por­ti­co d´Ottavia geführt.
ˈSie grei­­fen die Ju­den!ˈ – flüsterte mein Vater.
Wir konn­ten nicht mehr fliehen; die Deut­schen kamen direkt auf unser Haus zu. Papa schob uns in eine Kammer ne­ben der Tür und hieß uns abso­lut still zu sein. Dann öffnete er die Tür der Wohnung und ließ sie sperr­angel­weit stehen.
ˈSie werden denken, dass wir ab­ge­hau­en sindˈ – sagte er leise, als er zu uns zurück­kam.
Vielleicht hätten wir es ge­schafft. Aber Giuditta ver­lor den Kopf, als sie die Schritte der Deutschen auf der Trep­pe hörte. Sie rannte da­von, direkt in die Soldaten hinein. Sie drehte um und kam zu uns zurück. So führte sie die Soldaten dahin, wo wir versteckt waren. Sie holten uns aus der Kam­mer und gaben uns einen Zettel mit Anwei­sungen. …
Wir fingen an, das wenige Essen einzusammeln, das wir in der Wohnung hatten. Ich erinnere mich, dass ich ein Stück Schafskäse und einige Schachteln Peperoni in die Tasche steckte.
Dann wandte ich mich an den Offizier, der die Gruppe kommandierte und deutete auf Gentile: ˈSie gehört nicht zu uns, die Frau ist eine Haushaltshilfe. Lasst sie, damit sie mit ihren kleinen Kindern gehen kann.ˈ Er glaubte uns und gab mit dem Kopf ein Zeichen zu Gentile in Richtung Tür. Zum Glück kapierte sie; sie nahm ihre Tochter, ihre kleine Nichte und ging.
Wir verließen inmitten der Deutschen das Haus. Sie stellten uns mit den Nachbarn in Reihe auf und stießen uns in Richtung Portico d´Ottavia.«

Das Glück des Mutigen hatte Settimia beigestanden, als sie ihrer Schwester Gentile mit der Tochter Laetizia und der Nichte das Leben retten konnte. Vielleicht war dem Kommandoführer eine umständliche Überprüfung zu zeit­aufwändig oder er war einfach nur nachlässig – so wie eine Begleitwache kurze Zeit später. Auf dem Weg zum Portico bemerkte Signor Spizzichino den Augenblick einer Unaufmerksamkeit beim Wachsoldaten und fasste spontan den Entschluss, in der Menge zu verschwinden. Seiner Frau raunte er zu, dass er Pacifico, ihren Sohn, warnen müsse. Mose gelang es, unbemerkt zu verschwinden und gemeinsam mit Pacifico und seiner kleinen Familie vor der SS zu fliehen.

Settimia hoffte, dass sich ihre Schwester Ada zusammen mit ihrem Mann und David auf der Straße ebenfalls retten konnte. Doch später im Collegio gab es ein trauriges Wiedersehen mit Ada. Ada war auf der Suche nach ihrem Mann verhaftet worden. Schwester Enrica aus Tivoli, die mit Nahrungsmittel auf dem Weg in die Via della Reginella war, wurde in der Straßenbahn von Bekannten gewarnt. Im Ghetto gebe es eine Razzia der Deutschen. Sie dürfe auf keinen Fall dorthin fahren. Enrica machte kehrt und fuhr aus Angst vor Bahnhofs- oder Straßenkontrollen den ganzen Tag mit der Tram umher. Erst gegen Abend traute sie sich auf den Rückweg. Sie schaffte es heil nach Hause und konnte sich bis zur Befreiung verbergen.

Tragisch wird es dem Bruder Pacifico ergehen. Drei Monate nach seiner Rettung vor der Razzia fiel er in Rom der SS in die Hände und landete in Auschwitz. Pacifico, seine Mutter Grazia, seine Schwestern Ada mit ihrer achtzehnmonatigen Rosanna sowie Giuditta werden dort ihr Leben lassen. Settimia wird überleben – als einzige Frau von allen deportierten Juden Roms.



Signora Gabriela Ajò:

Der Zufall wollte es, dass es auch im Haus in der Via Portico Nr. 9 zu unvorhergesehenen Verhaftungen und Verschonungen kam. Die damals jugendliche Gabriela Ajò beschrieb in einem Interview, was sich abspielte.
Sie wohnte mit ihrer Familie im dritten Stock. Als die Soldaten in das Haus kamen, gingen sie von Etage zu Etage und räumten nach Liste jüdische Wohnungen. Im ersten Stock konnte sich eine Frau mit ihren zwei Kindern so verstecken, dass sie nicht gefunden wurde; das junge Ehepaar nebenan und ihre zwei Kleinkinder dagegen wurden festgenommen. Auch im vierten Stock wurden alle drei Apartments komplett geräumt.

Gleichzeitig Glück und Unglück gab es auf dem dritten Stock, wo Gabriela wohnte. Die SS hatte auf ihrer List einen anderen Namen stehen als „Ajò“, daher übergingen sie wortlos die Familie Gabrielas, obwohl sie alle Juden waren. Offensichtlich hatte das Kommando kein Interesse daran, eigenständig nachzuforschen bzw. eine versehentliche Verhaftung vorzunehmen. Doch bei den Stock-Nachbarn der Ajós waren die Soldaten misstrauisch. Nach ihrer Liste suchten sie einen Cesare Di Segni, aber auf dem Türnamen stand G. Di Segni (G. für Giovanni). Ihnen reichte derselbe Nachname, um alle mitzunehmen: Giovanni, seine Frau, die Kinder und die Schwiegertochter. Signora Di Segni versuchte den Soldaten vergeblich klarzumachen, dass ihr Mann nicht der gesuchte „Cesare“ auf der Liste sei. Offensichtlich war für die Deutschen C und G ein und dasselbe, vermutete Gabriela im Interview.
Die alte Signora Emma hatte die Szene aus einem Winkel beobachtet und mischte sich ein. Sie umarmte einen Soldaten und jammerte, dass das Giovanni sei und nicht Cesare. Doch der Soldat achtete nicht darauf oder verstand nicht, was die Alte wollte. In ihrer Not rief Emma nach ihrem Schwiegersohn:
»Pacifico komm, komm Pacifico, mach ihm klar, dass sie sich irren. Es ist nicht derselbe Name.«
Auf das eindringliche Rufen krabbelte Pacifico aus seinem Versteck und kam herbei. Die Folge war, dass er, seine Frau Graziella und ihr Sohn verhaftet wurden. Auf dem Weg zum Lastwagen gelang es aber Graziella, das Kind einer Passantin zu übergeben. Der Junge überlebte bei einer Tante.
Gabriela erinnerte sich auch an eine Frau, die einen Stock höher laut nach ihrer großen Tochter rief:
»Rina, Rina!«
Doch Rina war es gelungen, auf die Straße zu fliehen, im Arm ihr Kleinkind und in der Hand noch die Babyflasche. Als Rina ihre Mutter hörte, wollte sie umdrehen und zurück laufen. Doch jemand hielt sie fest, und Rina besann sich. Sie lief weiter und rettete sich mit ihrem kleinen Kind.

»Es war ein schrecklicher Tag«, so Signora Ajò nach vielen Jahren rückblickend.



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