Kardinal Faulhaber - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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1933-45
Michael Kardinal Faulhaber (1869-1952)
Erzbischof von München und Freising

war der prominenteste deutsche Bischof während der NS-Zeit. Obwohl er nie den Vorsitz in der deutschen Bischofskonferenz inne hatte (Kardinal Bertram / Breslau), war er einer der Einflussreichsten innerhalb des Bischofskollegiums.

Schon 1911 erhielt er die Bischofskonsekration und die Ernennung zum Bischof zu Speyer. 1917 wurde er zum Erzbischof von München und Freising ernannt und 1921 zum Kardinal erhoben.

Bis zu seinem Tod hatte Faulhaber das Amt als Bischof von München/Freising inne.

INHALT
1. Das Geheimtreffen mit Hitler auf dem Obersalzberg am 4. Nov. 1936
2. Die Allerseelen-Predigt vom 6. Nov. 1938
3. Die Denkschrift vom Frühjahr 1939 "Zum Frieden zwischen Kirche und Staat im Deutschen Reich" und die Konferenz der deut. Kardinäle mit dem neugewählten Pius XII.
4. Verschiedenes

(Änderungen fortlaufend)
1. Das Geheimtreffen mit Hitler auf dem Obersalzberg
am 4. Nov. 1936

Im Herbst 1936 nahm Hitler überraschend Kontakt mit Erzbischof Faulhaber auf, dem einflussreichsten Kardinal in der deutschen Kirche. Er bot Faulhaber ein vertrauliches Gespräch an.

Angesichts des entflammten Bürgerkrieges in Spanien und einer französischen Volksfront-Regierung suchte Hitler einen Schulterschluss mit der katholischen Kirche gegen den gemeinsamen Erzfeind „Bolschewismus“.

Die Bedingungen für ein solches Einvernehmen waren aber denkbar schlecht. Rund drei Jahre nach Abschluss des Konkordats zwischen dem Reich und dem Heiligen Stuhl lagen auf beiden Seiten die Nerven regelrecht blank. Das NS-Regime hatte seine ideologische Herrschaft in allen Bereichen immer mehr durchgesetzt und der Kirche traditionelle religiöse Rechte streitig gemacht.

Faulhaber war überrascht, als er das Begehren Hitlers zu einer persönlichen Aussprache auf den Schreibtisch bekam. Der Kardinal zögerte nicht und packte die Gelegenheit beim Schopf. Am 4. November sollte er auf dem Obersalzberg den Führer treffen.

Faulhaber ging allein in die Aussprache, ohne Sekretär oder engen Berater. Hitler hatte nur seinen Parteistellvertreter Heß bei sich – Heß wird sich aber aus dem Gespräch heraushalten. Das Treffen dauerte drei Stunden, einschließlich eines gemeinsamen Essens. Schon wenige Stunden nach dem Treffen erstellte Faulhaber ein ausführliches, streng vertrauliches Gesprächsprotokoll und schickte es per Eilkurier nach Rom.

Eine Kopie des Original-Protokolls aus dem Päpstlichen Geheimarchiv hier in pdf-Form.

9-seitiges Protokoll "Faulhaber-Hitler" (pdf, 513KB), Nebestehend die 1. Seite.
Zusammenfassung und Kommentar
 
Gleich zu Beginn beschwor Hitler die neue Gefahr des Bolschewismus und drohte, dass es auch mit dem Christentum aus sein werde, wenn der Nationalsozialismus diesen Todfeind nicht besiegen würde. Die katholischen Zentrumsgeistlichen hätten das nicht begriffen und mit ihrer „Es-ist-nicht-so-schlimm-Haltung“ das Volk verwirrt. Faulhaber zitiert sinngemäß Hitler: »Wie die Untermenschen, von Juden aufgehetzt, als Bestien in Spanien hausen, darüber habe er genaue Berichte [...] Er werde die geschichtliche Stunde nicht verpassen.« Der Kardinal schließt ein wörtliches Zitat Hitlers an: »Siegen wir ohne die Kirche, dann wird auch die Kirche keinen Anteil an unserem Sieg haben.« Dieser Satz fehlt in der Edition des Protokolls in den Faulhaber-Akten. Er steht aber im Original, das Pacelli und der Papst auf den Schreibtisch bekamen. Pacelli hat diesen Satz mit einem Stift als bemerkenswert markiert.
 
Faulhaber stimmte Hitlers Urteil über den Bolschewismus uneingeschränkt zu. Ausführlich legte er dem Kanzler einen Verdammungsfeldzug dar, den die Kirche seit langem gegen den gottlosen Kommunismus führe. Der Herr Reichs­­kanzler könne sicher sein, dass sich alle deutschen Bischöfe und amtlichen Stellen der Kirche der schweren Bedrohung gewiss seien. Man sei bereit, mit allen kirchlichen Mitteln gegen den Bolschewismus anzukämpfen.
 
Die Kirche müsse jetzt ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus aufgeben, fuhr Hitler fort. Insbesondere die fortgesetzte Opposition gegen die Rassengesetzgebung über die Zwangsterilisation „erblich Belasteter“ war ihm ein Dorn im Auge. Die Kirche müsse sich in dieser Frage wandeln, denn die Ras­sengesetze würden auf absoluten wissenschaftlichen Forschungen be­ruhen, forderte und belehrte Hitler. In der Geschichte habe sich doch die Kirche ständig gewandelt, z.B. bei der »Frage, ob die Welt in 6 Tagen oder 6 Millionen Jahren erschaffen wurde, [oder] die Sonne sich um die Erde drehe, …« Wenn die Kirche sich weiterhin stur verhalte, werde man auch ohne sie fertig werden, drohte Hitler.
 
Er sei erschüttert, so Kardinal Faulhaber erwidernd, dass der Reichkanzler von einer unversöhnlichen Haltung und einem Kampf der Kirche gegen den Nationalsozialismus rede. Die ursprünglichen Bedenken seien längst zurückgenommen. In einer formellen Erklärung habe man sich zur Mitarbeit im Neuen Reich bereit erklärt und der Klerus werde immer wieder ermahnt, Seitensprünge ins Politische zu unterlassen. Geradezu feierlich bekennt Faulhaber an Hitler: »Sie sind als das Oberhaupt des Deutschen Reiches für uns gottgesetzte Autorität, rechtmäßige Obrigkeit, der wir im Gewissen Ehrfurcht und Gehorsam schulden.« Die Bischöfe würden die großen Ziele der Politik des Kanzlers achten. Allerdings müsse die Kirche auf dem Recht bestehen, gegen Verletzungen des Sittengesetzes oder des Dogmas zu protestieren.
 
Faulhaber nannte drei gewichtige Punkte, die den Frieden zwischen Kirche und Regierung stören würden: 1. Die Unterstützung der abtrünnigen „Deutschen Glaubensbewegung“; 2. der Kampf gegen die konfessionellen Schulen und 3. die Zerstörung des kirchlichen Vereinswesens. Auf die Judenfrage kam der Kardinal nicht zu sprechen – auch nicht auf die Problematik der getauften Juden, die ja als vollgültige Kirchenmitglieder galten.
  
Hitler nahm wenig Notiz von diesen Einwänden und insistierte stattdessen erregt auf die Rassengesetze. Beispielhaft erinnerte er an den Fall eines langjährigen Giftmörders und sagte: »Wir wollen das deutsche Volk vor solchen erblich belasteten Verbrechern schützen, wie sie jetzt in Spanien hausen. `Ich erblicke darin den Willen Gottes.´« Es ist beklemmend, was der Kardinal entgegnete. Faulhaber zauderte nicht, vor Hitler von einer gerechten Notwehr gegen „Schädlinge einer Volkgemeinschaft“ zu sprechen. Darin sei er mit dem Reichkanzler einig. »Wir gehen aber auseinander in der Frage, wie sich der Staat gegen das Verderbnis der Rasse wehren kann«, merkte der Kardinal in gleicher Diktion an. Bevor man sterilisiere, müssten andere Maßnahmen ernstlich erwogen werden, zum Beispiel die Internierung. Hitler winkte ab. Die Zahl sei zu hoch. Es bleibe bei der zwangsweisen Rassenhygiene.
 
Faulhaber beruhigte den gereizten Kanzler. Auch unter der Monarchie hätte es Gesetze gegeben, gegen die die Kirche Einsprüche erhoben hatte. Das sei normal und nicht dramatisch. Auch wenn die Kirche ihre sittlichen und dogmatischen Standpunkte nicht verlassen könne, müsse doch ein modus vivendi möglich sein – ohne Kampf zwischen Staat und Kirche. Nach diesen Worten glaubte der Kardinal den Reichskanzler besänftigt zu haben. Hitler wird konzilianter und fängt an über den Gottesglauben zu räsonieren. Faulhaber zitiert wörtlich: »Ohne Gottesglaube können die Menschen nicht sein. Der Soldat, der 3 oder 4 Tage im Trommelfeuer liegt, braucht einen religiösen Halt. Gottlosigkeit ist Leerheit.« Er wolle keine neue Religion und auch keinen Mythos. Das Christentum sei die traditionelle und bestimmende Kraft des deutschen Volkes. Der Kardinal ist begeistert. Ausdrücklich lobt er die »herrlichen Gottesbekenntnisse, die der Führer bei verschiedenen Gelegenheiten und gerade in den feierlichen Reden abgelegt habe«. Das hätte in der Welt einen tiefen Eindruck gemacht, und das würde man bei anderen Staatsmännern vergeblich suchen.
 
Am Ende des Gesprächs fordert Hitler Kardinal Faulhaber auf, mit anderen Führern der Kirche zu reden. Sie sollten überlegen, wie sie den Nationalsozialismus gegen den Bolschewismus überstützen und zu einem friedlichen Verhältnis zum Staat kommen wollen. Entweder würden der Nationalsozialismus und die Kirche zusammen siegen oder sie würden beide zugrunde gehen. Er selbst werde einzelne Störungen wie die Deutsche Glaubensbewegung oder die Klosterprozesse aus der Welt schaffen. Das sei kein Kuhhandel, sondern es soll ein letzter Versuch sein.
 
Im Schlussgedanken findet Faulhaber geradezu überschwängliche Worte für den Staatsmann Hitler. Dabei lässt sich der fromme Bischof und Kardinal zu einer hanebüchenen, unseligen Bemerkung hinreißen: »Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott.« Man muss den Satz zweimal lesen. Wie konnte Faulhaber Adolf Hitler derart einschätzen? Wie konnte er es wagen, ungeniert eine solche theologische Ehrenerklärung Pius XI. und Pacelli vorzutragen – ein Bekenntnis über den Autor des wahnhaften Werkes Mein Kampf und Repräsentant einer militanten häretischen Weltanschauung? Vielen bischöflichen Mitbrüdern, namentlich Graf von Galen und Konrad Preysing, würde ein solcher Satz im Halse stecken bleiben.
 
Die Anbiederung des bayerischen Oberhirten an Hitler war peinlich und beschämend. Er sprach zu einem Diktator, der seit fast vier Jahren mit gewalttätiger Hand regierte, der die jüdischen Menschen seines Volkes nahezu entrechtet und entwürdigt hat und der unablässig Konzentrationslager auffüllte – auch mit Priestern.
 
Faulhaber wird die Hochschätzung des Führers in den nächsten Jahren beibehalten. Noch am 21. August 1944 wird er bei einer Gestapovernehmung im Zusammenhang des Attentats vom 20. Juli erklären, dass er erschüttert sei, überhaupt mit dem verdammenswerten Mordkomplott in irgendeine Verbindung gebracht zu werden. Das auch deshalb, so der Kardinal, »weil ich persönlich die Verehrung zum Führer seit der langen Aussprache vom 4. November 1936 mir bewahrt habe«. Es verschlägt einem die Sprache. Nach über elf Jahren Terrorherrschaft, nach vier Jahren Kriegsgemetzel in Europa und auf dem Höhepunkt des Völkermordes an den Juden – wovon der Münchner Bischof genügend wusste – bezeugte er dem Abkömmling des Antichristen ungebrochene persönliche Verehrung.
 
Kardinalstaatssekretär Pacelli antwortete Faulhaber noch im November 1936, gut eine Woche nach Eingang des Gesprächsprotokolls. Der Papst habe die Niederschrift intensiv zur Kenntnis genommen und bedanke sich für die Mühen. Konkreter schreibt Pacelli: Ein aufmerksames Studium des Berichts zeige, dass keine Entspannung in Sicht sei. Vielmehr würde aus der Unterredung hervorgehen, »welches Maß von Vorurteilen, Fehlurteilen und Verzerrungen er objektiven Wahrheit in den Kreisen des Nationalsozialismus lebendig« sei. Indessen lasse die persönliche Haltung des Reichskanzlers nicht alles hoffnungslos erscheinen. Die Bischöfe sollten die Gunst der Stunde nutzen. Mit Berufung auf das Führergespräch könne man darauf bestehen, die bislang verschleppten Verhandlungen zu Konkordatsverletzungen endlich aufzunehmen.

Große Hoffnungen machte sich Pacelli nicht. Der Graben schien zu tief und zu breit zu sein für eine Aufschüttung. Allein aus dem diplomatisch ausgestreckten Finger Hitlers ließ sich vielleicht Kapital schlagen. Die erschreckenden Bemerkungen Faulhabers zur gottgegebenen Autorität Hitlers und zu dessen Glauben überging Pacelli. In der Enzyklika Mit brennender Sorge wird er aber darauf zu sprechen kommen.
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