Trauma u. Stachel - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Judenrazzia in Rom
Die SS-Judenrazzia am 16. Oktober 1943 in Rom

Kein Ereignis in der neueren Geschichte hat den Vatikan und die Juden Roms so herausgefordert und erschüttert wie die SS-Razzia am 16. Oktober 1943. Vor den Augen Pius XII. war die altehrwürdige Jüdische Gemeinde verhaftet und nach Auschwitz deportiert worden.
Das Ereignis ist bis heute ein Trauma für beide Seiten.

Bei Sonnenuntergang am Freitag, den 15. Oktober 1943, feierten die Juden Roms wie gewöhnlich in ihren Häusern den Beginn des Sabbats. Es war ein besonderer Sabbat, der dritte Tag des einwöchigen Laubhüttenfestes Sukkot im Jahre 5703 jüdischer Zeitrechnung. Ein paar Stunden später sollte nichts mehr so sein wie zuvor. Der erprobte SS-Kommandoführer Theodor Dannecker schwärmte mit seinen Männern aus und ergriff die Juden der Ewigen Stadt.
 
An dem Freitagabend eilte eine ärmlich gekleidete Frau von Trastevere herüber und fing in den Gassen des Ghettos an zu schreien:
»Die Deutschen kommen und nehmen die Juden mit!«
Viele Fa­milien haben in ihren Wohnungen gerade die Sabbatkerzen angezün­det und sich zur Andacht versammelt. Einige streckten neugierig die Köpfe aus den Fenstern. Andere gingen gleich hinaus auf die Straße, um nachzuschauen, was los war. Rasch wurde die Frau von Neugierigen umringt. Viele kannten sie gut. Es war Signora Celeste. Man hielt sie für wunderlich, ein bisschen meschugge eben und für skandalsüchtig.
 
Signora Celeste rief immer weiter: »Die Deutschen holen die Juden; macht das ihr wegkommt!« In Trastevere hatte sie heute Abend von der Frau eines Carabinieri, wo sie in Diensten steht, von einer langen Judenliste erfahren. Alle auf dieser Liste sollten von den Deutschen verhaftet werden. Celeste verlor keine Zeit. Sie rannte an diesem regnerischen und kalten Oktoberabend sofort auf die andere Tiberseite, um alle zu warnen.
Niemand glaubte Celeste die Hiobsnachricht. Hatte sie vergessen, dass die Juden erst vor zwei Wochen durch Gold ausgelöst worden waren? Außerdem war der Papst in der Stadt. Er würde es niemals zulassen, dass den Juden Roms von den Deutschen ein Leid geschehe.

Signora Celeste hörte nicht auf zu jammern:
So glaubt mir doch! Seht zu, dass ihr von hier weg kommt. ... Ich sage die Wahrheit! Das schwör’ ich beim Haupt meiner Kinder!«
Schließlich drohte sie, dass alle es bereuen werden, wenn sie jetzt nicht fliehen würden. Es half nichts. Celeste resignierte und klagte, dass, man einer reichen Frau bestimmt glauben würde. Aber weil sie arm sei, nichts habe und in Lumpen herumlaufe, höre man nicht auf sie.

Gegen Mitternacht schreckten viele Menschen in den Straßen und Gassen des Ghettos erneut hoch. Sie waren schon alle schlafen gegangen. Doch vereinzelte Schüsse und das laute Grölen von Männern trieb sie aus den Betten. Nur Wenige wagten sich ans Fenster und riskierten einen Blick. Kugeln pfiffen durch die Luft oder prallten gegen die Hauswand. Waren das betrunkene deutsche Soldaten? Oder waren es italienische Schwarzhemden, die sich einen Spaß daraus machten, Juden zu erschrecken? Niemand wusste es. Das Schießen wollte nicht aufhören. Zuweilen schwoll es an, dann ebbte es wieder ab. Erst nach etwa drei Stunden kehrte endgültig Ruhe ein.
 
Bald regte sich wieder Leben im Ghetto. Zahlreiche Menschen standen früh auf, um Lebensmittel zu organisieren oder die wöchentliche Ration an Tabak zu ergattern, die nur samstags ausgegeben wurde. Sie sollten die Ersten sein, die Danneckers Männern in die Arme liefen. Leise und unbemerkt waren SS-Soldaten ins Ghetto eingedrungen und hatten strategisch Position bezogen.      
Im alten Ghetto Roms lebten immer noch die meisten Juden. Seit Jahrhunderten lag der Bezirk unverändert im Herzen der Ewigen Stadt, nahe der Tiberinsel. Das Ghetto erstreckte sich einige Straßenzüge tiberaufwärts hinter dem altrömischen Theater des Marcellus und dem uralten Portico der Octavia. Ein paar Schritte entfernt liegt die Tiberinsel, über deren Brücken man zum Stadtteil Trastevere gelangt. Dort lebten traditionell auch viele Juden. Auf der Ostseite des Tibers war ihr erstes Siedlungsgebiet, das ihnen zugewiesen wurde.
Zwei Kilometer flussaufwärts auf der anderen Tiberseite liegt der Vatikan. Papst Pius XII. war anwesend. Wegen der angespannten Lage in Italien im Sommer 1943 hatte er den Apostolischen Palast in den letzten Monaten nicht mehr verlassen.

Wie gewöhnlich ging Pius in dieser Nacht sehr spät zu Bett. Erst gegen zwei Uhr löschte er das Licht. Als er nach Mitternacht noch am Schreibtisch saß, um letzte Vorlagen zu bearbeiten, konnte er die Schüsse von der anderen Tiberseite hören. Pius hatte keinen Grund, besonders beunruhigt zu sein. Kleine nächtliche Scharmützel wurden in den vergangenen Wochen häufiger ausgetragen. Doch diesmal wollte das Schießen nicht aufhören. Bisher hatten die deutschen Soldaten Partisanenaktionen immer rasch abgewehrt. Warum dauerte es heute Nacht so lange? Das päpstliche Arbeitszimmerfester im obersten Stock des Apostolischen Palastes zeigt genau in Richtung Judenghetto. Kamen die Schüsse aus dem Ghetto? War dort etwas los?
 
Um sechs Uhr stand Papst Pius wieder auf. Bevor er die Frühmesse in der Privatkapelle hielt, segnet er seine Stadt am offenen Fenster – so wie immer. Über Rom zog die Dämmerung herauf. Im Ghetto und überall in der Stadt hatte die groß angelegte Judenrazzia bereits begonnen. Pius konnte den Lärm von Lastwagen hören, die zu verschiedenen Einsatzorten fuhren.

An diesem Morgen des 16. Oktober ahnte Papst Pius noch nicht, was die nächsten drei Tage ihm abverlangen werden. Todeshäscher sind in die Ewige Stadt eingedrungen und fesselten die jüdische Gemeinde.

Musste er sich jetzt offen vor die Juden seiner Stadt stellen? Sollte er in die Razzia eingreifen, sie stoppen und die bereits Gefangenen retten?
Seit wenigen Wochen hatte Hitler die Macht in Rom. Aber wie groß war sie? Konnte er den Diktator aufhalten?

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