Vergebung u. Toleranz - Pius XII. Vatikan Holocaust NS-Zeit Verschiedenes

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Bergpredigt
Vergebung und Toleranz in der Bergpredigt

Konfrontiert man Teilnehmer in theologischen Kursen recht unverblümt mit dem strikten Vergebungsgebot Jesu, schlägt auf breiter Front Widerspruch entgegen. An sich sei Vergebung ja in Ordnung und dumpfe Rache stillos, aber dem größten Halunken immer und unbedingt vergeben, möglicherweise auch noch seine Schurkereien einfach vergessen, gehe entschieden zu weit. Man könne doch nicht so tun, als sei nichts geschehen, als wäre nichts zu Bruch gegangen, vielleicht unwiderruflich. Der andere müsse schon irgendwie und irgendwas bezahlen; ganz umsonst dürfe er nicht davonkommen. Außerdem gäbe es übelste Verletzungen, die unverzeihbar seien. Ist der Tenor insgesamt auch nachdenklich, gewisse Stoppmarken werden deutlich gezogen.

Einmal ehrlich, wer sympathisiert nicht mit solch ungeniert vorgetragenen Schmerzgrenzen? Viele Menschen beten täglich das Vaterunser, in dem sie Gott höchstpersönlich zusichern, dass sie ihren „Schuldnern“ vergeben. Die Worte gehen leicht über die Lippen, doch wie schwer ist ihr Vollzug im Herzen. Zu schwer? Obendrein unvernünftig? Was die Feindesliebe an Vorbehalten trifft, muss gleichermaßen die Vergebung aushalten. Umgekehrt helfen die tieferen Einsichten in das Wesen der Feindesliebe auch dem Verständnis, worum es im letzten bei der Vergebung geht.

Nach dem bisherigen Weg durch die Bergpredigt überrascht es nicht, dass die Mahnungen Jesu, seinem Nächsten zu verzeihen, aus dem weisheitlichen Metier stammen. Matthäus legte Wert auf diesen Charakter und gab seinen beiden Hinweisen zur Vergebung ein starkes weisheitliches Kolorit.

Die erste Stelle findet sich als Anhang zur Eröffnungsantithese über den Zorn (5,23f). Dort verlangt Jesus ohne Umschweife, sich zuerst mit seinem Widersacher zu versöhnen, bevor man am Altar Gottes selbst um Verzeihung bitte. Diese Union von Kult und zwischenmenschlichem Verhalten ist typisch weisheitlich. Mehrfach betonen Jesus Sirach und Sprichwörter im Alten Testament, dass Opfergaben Gerechter Jahwe genehm sind, Opfer Ungerechter dagegen kein Gefallen fänden (z. B. Sir 35,9; 34,22; Spr 15,8; 21,3.27). Daher ist es verfehlt, im Beispiel Jesu eine rechtliche Regel (Halacha) sehen zu wollen, die genau angibt, wann eine gottesdienstliche Handlung unterbrochen werden darf. Worauf es Jesus ankommt, ist die Einheit der Beziehung unter den Menschen einerseits und den Menschen zu Gott andererseits.

Namentlich dieser Gedanke ist beim zweiten Wort zur Vergebung aufgenommen. Es findet sich in einer kleinen parallel formulierten Zusatzerläuterung zur fünften Vaterunser-Bitte (6,12) über die Vergebung gegenüber Gott und den Menschen. Geradezu barsch wirken die Bedingungsätze: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Ver­feh­lun­gen ver­gebt, dann wird euer himm­lischer Vater auch euch ver­­geben. Wenn ihr aber den Menschen nicht ver­gebt, dann wird euch euer Vater eure Ver­feh­lungen auch nicht ver­geben« (6,14f).

Die Formulierung nährt den Eindruck, als sei hier eine Regel heiligen Rechts aufgestellt. Erst der vorausgegangene Schulderlass unter Menschen, ermögliche, ja berechtige zum Schulderlass vor Gott. Doch die deutlich weis­heit­liche Thematik intendiert eine andere Aussage. Sie ist übrigens voll gedeckt durch die Kernbotschaft Jesu vom bereits angebrochenen Gottesreich mit seiner Vergebungszusage. Jesus lag das verschränkte Verhältnis Mensch – Mensch und Mensch – Gott am Herzen. Beide Dimensionen dürfen nicht isoliert, gar konkurrierend ausgeübt wer­den. Wer sich weigert, seinem Nächsten die versöhnende Hand zu reichen, kan­n nicht einfach Gott die ausgestreckte Hand entgegenreichen. Das ist Selbst­betrug und heuchlerisch.

Auf die Anzahl der Versuche kommt es nicht an. Ebenso wenig auf andere Bedingungen. Die Vergebungsbereitschaft muss grenzenlos und offenherzig sein gegen jeden. Jesus war darin so konsequent wie bei seinen anderen Geboten. Und wie bei diesen bedeutet das keine aufgebauschte Erschwernis, sondern eine Rückführung bis an die Wurzelspitzen des Appells. Matthäus erwähnt in Kap. 18,21f ausdrücklich die Petrusfrage an Jesus, wie oft denn zu vergeben sei: Siebenmal? Bekannt ist Jesu Antwort: »Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal«. Das Wortspiel bezieht sich auf das schon erwähnte Lamechlied in Genesis 4,23f. Dort wird die unversöhnliche Rache von „siebenmal“ auf „siebenundsiebzigmal“ ausgedehnt. Miss­verständlich wäre, in den Ziffern Stoppmarken zu sehen, jenseits derer an Rache genug sei. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit und meint so etwas wie: vollbefriedigter Rachedurst. Dagegen zielt Siebenundsiebzig auf eine Vergeltungssucht ohne Maß und Ziel. Entsprechend gilt für die Vergebung, dass ihre Bereitschaft unbegrenzt sein sollte. Verzeihen-Wollen lässt sich ebenso wenig an die Leine legen wie die Liebe. Jedes noch so großzügig abgesteckte Terrain knebelt letzten Endes das eine wie das andere Gebot.

Was meint Vergebung konkret? Wie geht jemand mit Verletzungen um, wenn er vergeben will? Juristisch ist der Vorgang formal geregelt. Schäden beziehungsweise Entschädigungen werden materiell ausgeglichen und die Täter bekommen eine Buße. Davon befreien keine noch so große Reue und keine Vergebungsbitten.

Im persönlichen Verhältnis gelten andere Regeln. Die wenigsten Kränkungen lassen sich materiell begleichen – wenn überhaupt. Schnitte in die Seele vermögen Pflaster nicht zu heilen. Die Wundheilung ist auch nicht im Schnellverfahren zu haben. Versprechungen dieser Art in diversen Schriften über die spektakuläre Heilkraft der Vergebung sind unseriös. Sie gaukeln eine Problemlösung vor, die in Fingerschnipp-Manier vor sich gehen soll. Doch echte Vergebung verlangt einen Versöhnungsprozess.

Er kann sich hinziehen und sehr steinig sein. Wichtig ist dabei, dass die eigenen Gefühle wie Wut, Rache, Hass, Abscheu und ähnliches nicht schamhaft zugehängt werden. Sie sind natürliche Reaktionen auf schwere Kränkungen. Wer sie deckelt oder leugnet, behindert sich selbst auf dem Versöhnungspfad zum anderen. Das Verletztsein muss zur Sprache kommen. Ansonsten niesten sich garstige Spukgestalten im Keller der Seele ein, die unablässig gegen die bereinigte Beziehung hetzen.

Dasselbe gilt für die Verletzung an sich. Wer eine „alte Geschichte“ anonym und sprachlos versenkt, nimmt dem Versöhnungsprozess die Möglichkeit einer »kreativen Erinnerung«, wie der psychologisch orientierte Theologe Studzinski4 es ausdrückt. Bei der Er­innerung werden die Stationen und Umstände der Verletzung durchgegangen. Es ist ein heilsamer Weg des Neubeginns. Natürlich wäre es optimal, wenn sich alle Betroffenen daran freimütig beteiligen würden. Doch das ist eher selten der Fall. Ergreift nur eine Partei die Initiative und sucht Aussöhnung, bleibt der Erinnerungsprozess dennoch wertvoll. Wer vergeben will, übersieht nicht die verletzenden Handlungen. Er konfrontiert den Täter mir seinem Tun. Das kann beklemmende Auseinandersetzungen provozieren und weitere „Ge­witter“ auslösen. Es werden jedoch reinigende Gewitter sein, wenn sie eingebettet sind in die Vergebungs- und Annäherungsbereitschaft. Am Ende soll das, was geschehen ist, Mahnmal sein. Dessen Aufgabe ist nicht die rückwärtsgewandte, fortwährende Anklage, sondern die zukunftsweisende Neuorientierung als eine Erinnerung, die lehrt.

Auch die gelungenste Vergebung vermag keine Kränkungen ungeschehen machen, aber sie entzweien nicht mehr. Wer vergibt, vernichtet die moralische Schuldrechnung. Er wirbt um die Hand des anderen ohne eine versteckte Quittung. Zur versöhnten Beziehung ge­hört das Vertrauen, dass keine alten Rechnungen präsentiert werden. Die Spießruten vergangener Verletzungen sollten zerbrochen sein. Wer vergeben hat, darf sie nicht mehr zusammenkitten und nach Laune einsetzen.

Gewiss, Vergebungsbemühungen können auch schief gehen. Nicht jeder lässt sich auf eine neue versöhnte Nähe ein. Jemand kann brüsk die Hand zurückstoßen oder listig Offenheit vortäuschen, um ein perfides Machtspiel gewinnen zu können. Gemeinen Einfällen sind ja keine Grenzen gesetzt. Doch Vergebungsbereitschaft bedeutet nicht, sich dreist über den Tisch ziehen zu lassen. Im Gegenteil. Sie verfolgt wach und sensibel, ob Heilung möglich ist oder rücksichtslos überfahren wird. Unter Umständen erfordert die Situation kämpferisches Tauziehen. Ich lasse mich nicht wegreißen vom Standpunkt einer redlichen Versöhnung, und ich ringe um faires Entgegenkommen des Kontrahenten.

Der Ausgang ist unsicher; die Mühen können ins Leere laufen. Bleibt in solchen Fällen der Beziehungsbruch unversöhnt, fehlt der Resonanzboden für die Vergebung. Niemand braucht sich dann zu grämen, gegen das Gebot Jesu gefehlt zu haben. Vergebung reift prozesshaft – wie die Liebe. Die Alles-oder-nichts-Regel ist beiden fremd. Schon wer bereit ist, einen ersten Schritt zu wagen, vielleicht nur zaghaft und scheu, befindet sich mitten auf dem Weg der vergebend-versöhnenden Liebe. Zwar heißt Vergebung, alles ist verzeihbar, dennoch lässt sich nicht alles verzeihen, und es heißt, jedem ist die versöhnende Hand zu reichen, dennoch ergreift sie nicht jeder.

Zweifellos erfordert vergebende Feindesliebe gebührend Toleranz. Hinter Konflikten stecken abweichende Einstellungen und Sicht­weisen. Diverse Anläufe, diese gleichschalten zu wollen, sind nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie sind auch im hohen Maß destruktiv. Toleranz und kritische Selbstbetrachtung leisten dieser Versuchung Widerstand. Jesus hat dazu eine klare Mahnung und eine im wahrsten Sinne des Wortes augenfällige Illustration gegeben. Es handelt sich um das letzte spezielle Gebot der Bergpredigt zum neuen zwischenmenschlichen Umgang.

»Richtet nicht!«, so mahnt Jesus knapp, aber folgenreich (7,1) Das eigene Richten falle auf den Richtenden zurück, sein eigenes Maß müsse er auch auf sich anwenden lassen. Ohne Zeit zu haben, diese Zumutung zu verdauen, gibt Matthäus ein groteskes Bild Jesu zum besten: »Warum siehst du den Splitter im Auge dei­nes Bru­ders, aber den Balken in dei­nem Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge her­aus­zie­hen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Bal­ken? Du Heuch­ler! Zieh zuerst den Bal­ken aus dei­nem Auge, dann kannst du ver­suchen, den Splitter aus dem Auge dei­nes Bruders her­aus­zu­zie­hen.« (7,3-5). Eine gewisse Komik ist nicht zu verhehlen.
  
Das prägnante Richtverbot Jesu sieht aus wie eine Generalformel zur Abschaffung des gesamten Richterstandes, ja der Rechtsprechung überhaupt. Be­vor alle Richter kalte Füße bekommen sei Entwarnung gegeben. Jesu Richtverbot bewegt sich auf einer anderen Ebene. Das ist exe­ge­tisch breit anerkannt. Gleichwohl hat die Weisung von dort brisante Aus­wir­kungen auf andere Bereiche. Der Kirchenrechtler Knut Wolf bekennt freimütig, dass ihm dabei »nicht ganz wohl«5 sei in seiner Haut. Das will was heißen für den hartgesottenen Stand des theologischen Rechtsexperten. An dem Unbehagen des Kirchenmannes ist etwas dran.

Hinweise zum Verständnis und Geltungsbereich der Weisung liefert uns dessen Lebenskontext. Er wurzelt in der Weisheit, wo das Richten anderer vielfach problematisiert wird. Selbst Rudolf Bultmann, der wichtige jesuanische Mahnungen in der Bergpredigt zu den Rechtssätzen zählt, sieht im Abschnitt über die Richtfrage den Weisheitslehrer Jesus reden. Das beurteilen Experten der Weisheitsliteratur genauso,6 obwohl das Richtverbot begründet ist durch das endzeitliche Gottesgericht. Doch gerade die enge Verbindung irdischer und himmlischer Verhältnisse ist ja typisch für die frühjüdische Weisheit. Das anschließende amüsante Bildwort vom Splitter und Balken im Auge spiegelt unmittelbar selbstkritische Lebenserfahrung.

Entsprechende Reflexionen kommen in zahlreichen Sprich­wortsammlungen der Völker vor. So riet etwa der stoische Philosoph Epiktet (ca. 50 - 130 n. Chr.) in Rom: »Suchen wir die Stoppeln an uns selbst ab, bevor wir sie an anderen suchen« (Dissertationes 2,16). Zwar fehlen vergleichbare Wendungen im weisheitlichen Spruchgut des Alten Testaments, der Sache nach aber wird die Thematik mehrfach verhandelt. Häufig ist vom Urteil des „Toren“ die Rede, das ungerecht, unverständig, blind gefällt werde. Die Einschätzung des Weisen dagegen sei rühmlich, weil umsichtig, klug und gerecht.
  
Was macht der Weise anders als der Tor? Warum ist die Weisheit so reserviert gegenüber Urteilen über Menschen, beziehungsweise warum setzt sie so hohe Maßstäbe?

Freilich, die unausrottbare Voreingenommenheit der eigenen Sache und die oft verzwickten Situationen stellen andere Menschen zwangs­läufig in eine scheeles bis falsches Licht. Doch ist das der einzige und wichtigste Grund? Die Weisheitsmahnung des Richtverbots bohrt tiefer. Sie weist auf das Herz des Menschen, in dem alle bösen Gedanken und Taten geschmiedet werden, das aber auch die Quelle alles Guten ist. Erinnert sei an die Seligpreisung der Herzensreinen, wo Jesus diese Einsicht voraussetzte.

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Vermag je ein Mensch die innerste Herzenseinstellung eines anderen sicher erkennen? Lässt sich je eine böse Absicht vom Standpunkt des außenstehenden Beobachters zutreffend beurteilen? Offensichtlich nicht. Was wir wahrnehmen sind verschiedene Taten – unter Umständen mosaikartig gesprenkelt. Dabei ist selbst sehr niederträchtig erscheinendes Verhalten kein Beweis für ein niederträchtiges Komplott im Herzen. Suchen wir eine abweichende Perspektive oder überblicken wir längere Zeiträume oder fühlen wir uns tiefer in den anderen Menschen hinein, kann sich der erste Eindruck gründlich ändern. Wer glaubt, über andere Menschen hieb- und stichfeste ethische Urteile fällen zu können, begibt sich auf Glatteis.

Wohl jeder hat ärgerliche Beispiele parat, die ihn selbst betroffen haben. Da schlug uns Misstrauen, ja Bitternis entgegen, weil andere Zeitgenossen davon ausgingen, dass hinter einem anstößigen Verhalten nur Arglist und Bosheit stecken könne. Wie schwer ist es dann, gegen solche eilfertigen Diagnosen anzutreten. Ist erst einmal der Stab gebrochen, sind moralische Urteile außerordentlich resistent. Der Gerichtete hat wenig Möglichkeiten, das Stigma loszuwerden. Meist wird er angeprangert vorgeführt zum allgefälligen Kopfschütteln und zur allseitigen Entrüstung. Das ist eine perfide Art, Herrschaft auszuüben. Der Kommunikationstrainer und psychotherapeutisch arbeitende Jesuit Rupert Lay bemerkt dazu lapidar: »Richten ist die arroganteste Form, die Herrschaft annehmen kann«.7
 
An diesem Punkt setzt der weisheitliche Vorbehalt gegen Urteile an. Jesus dachte ihn schlüssig zu Ende und forderte von seinen Hörern den strikten Verzicht auf jegliches Richten. Da das Herz des Menschen nur vor Gott vollkommen offenbar ist, kommt auch nur ihm allein Richtgewalt zu. Kein Mensch könne und dürfe sie sich anmaßen. Wer richtet, richtet das Herz eines Menschen – modern ausgedrückt: die innerste personale Gewissensentscheidung. Davon hängt die sittliche Schuld oder Nicht-Schuld ab. Deren endgültige Feststellung sollten wir nie versuchen, schon gar nicht sollten wir die Schublade namens „Schuld“ öffnen und einen Menschen darin auf Nimmerwiedersehen verstauen. Erfreulich klar klingt dazu das Statement der Konzilsväter des zweiten Vatikanums, die in ein Dokument schreiben ließen: »wir haben nicht das Recht zu verurteilen, weil es uns nicht gegeben ist, in die Herzen der Menschen zu schauen« (Gaudium et spes 28 mit Bezug auf Mt 7,1). Angesichts der Haustradition der Kirche ist man hin- und hergerissen, diese verbindliche Aussage entweder als hoffnungsvolle Morgenröte oder als zynisches Theoriewort zu begreifen.

Wenn Jesus moralische Aburteilungen verbietet, wie steht es dann mit anderweitigen Urteilen über alle möglichen Fragen zu Werten, Normen, zur Ethik und Lebensgestaltung schlechthin? Nun, insofern die Auseinandersetzung Sachfragen verhandelt und Menschen nicht un­ter ein ethisches Röntgenmikroskop zwingt, ist gegen eine solche Urteilsfindung kein Einwand zu erheben. Über sachliche Fragestellungen lässt sich bestens streiten, und beantwortet werden können sie so oder so. Auf dieser Ebene werden Argumente ausgetauscht und keine moralischen Schuldzuweisungen verteilt. Doch die Grenze ist schnell überschritten. Zu hartem Streit um irgendwelche Angelegenheiten gesellen sich leicht persönliche Diffamierungen, in deren Schlepptau unappetitliche Schlammschlachten geführt werden. Vorfälle dieser Art sind sattsam bekannt. Es scheint, als läge es uns Menschen im Blut, sachliche Vorgänge und die betroffenen Personen unentwirrbar und auch scheinheilig zu verschmelzen. Hier liegt ein weiterer Grund, warum die Weisheit bei zwischenmenschlichen Kontroversen so peinlich auf faires Entgegenkommen achtet.

Wie gewohnt nahm Jesus kein Blatt vor den Mund, als er diese Problematik anschnitt. In aufrüttelnder Du-Anrede hält er seinem Hörer einen Spiegel vor: »Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?«. Wer kann sich da vornehm zurücklehnen und so tun als sei das für ihn kein Thema? Jesu Verdikt Heuchler trifft ins Mark.

Selbstkritik geht vor Fremdkritik – eigentlich sollte das ein fundamentales Gebot aufrichtigen Umgangs untereinander sein. Doch wie oft arbeiten wir mit doppelten Boden und versteckten Hintertüren. Selbstkritik – nur wenige Worte finden so viel Beifall im theoretischen Anspruch und zugleich massive Entschärfung im praktischen Ernstfall. Die Nagelprobe darauf sind feindselige Beziehungen. Attackiert uns jemand giftig und aggressiv, reagieren wir instinktiv abschottend, manchmal beißen wir prompt zurück. Wenn schon andere uns ans Leder wollen, präsentieren wir ihnen nicht gerade eine Einladung. Ich verbarrikadiere mich in meine Burg und der Feind da drüben hockt in seiner. Im vorigen Punkt ist schon angeklungen, dass solche mentalen Kampfpositionen irreführen und Konflikte destruktiv schüren. Hier holt die Splitter-Balken-Mahnung das Gebot der Feindesliebe ein. Daher möchte ich weitere Gedanken in den abschließenden Punkt Entfeindungsliebe einbringen.

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Leicht bearbeiteter Auszug aus: Kühlwein, Chaosmeister Jesus. Die Bergpredigt.
 
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